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DHfK-Geschäftsführer Günther: „Es wird mit tausenden Jobs gespielt“

Der SC DHfK Leipzig nimmt im Sport aktuell eine Vorreiterrolle beim Thema Zuschauer-Rückkehr ein. Der Club aus der Liqui Moly Handball-Bundesliga (HBL) hat bereits Testspiele vor mehreren hundert Fans absolviert und war auch maßgeblich am Forschungsprojekt „Restart-19“ beteiligt. Im persönlichen Gespräch gibt Geschäftsführer Karsten Günther einen Einblick in erste Erkenntnisse der Studie und hält ein Plädoyer für die Rückkehr der Zuschauer.

Am vergangenen Donnerstag hat das Vorhaben der Liqui Moly Handball-Bundesliga (HBL), schon zum Saisonstart wieder Zuschauer in die Hallen zu lassen, einen herben Rückschlag erhalten. Größere Sportveranstaltungen bleiben bis mindestens Ende Oktober verboten. Im Falle von schlüssigen Hygienekonzepten sollen jedoch Ausnahmen möglich sein. Ein Club, der viel unternimmt, um bereits am 1. Spieltag der HBL am 1. Oktober wieder vor Fans in der Halle zu spielen, ist der SC DHfK Leipzig: „Wir haben uns hier in Leipzig auf die Fahne geschrieben, nicht nur Beobachter des ganzen Geschehens zu sein, sondern wir wollen Gestalter sein“, erklärt Karsten Günther, Geschäftsführer des HBL-Clubs aus Leipzig im persönlichen Gespräch mit SPONSORs.

Am vergangenen Wochenende hat der SC DHfK Leipzig gleich zwei Testspiele vor Zuschauern absolviert – eines vor 250, das zweite gar vor 500 Fans. „Die Erfahrungen sind durchweg positiv“, bilanziert Günther. Darüber hinaus habe sein Club gelernt, was den Zuschauern zumutbar sei, nennt der DHfK-Geschäftsführer wichtige Erkenntnisse aus den Heimspielen gegen Zweitligist EHV Aue sowie den polnischen Meister Vive Kielce. Das reiche „von personalisierten Tickets, über Gesundheitsfragebögen und der Mitführung des Personalausweises, bis hin zur Pflicht eines Mund-Nasen-Schutzes sowie dem Abstand zu anderen Zuschauern“, so Günther weiter.

Der Atmosphäre in der Arena haben diese Maßnahmen scheinbar nichts anhaben können: „Wir hatten am Sonntag wieder eine Stimmung in der Halle, die sehr nah an das herankam, was wir vor der Corona-Pandemie hatten“, zeigt sich der Geschäftsführer des DHfK begeistert über den Enthusiasmus der Zuschauer. Trotz der Mund-Nasen-Schutz-Pflicht sei alles dabei gewesen, „von lautstarkem Anfeuern bis hin zu Fangesängen und dem Rufen der Nachnamen“, berichtet Günther.

DHfK Mit-Initiator der „Restart-19-Studie“

Bereits am 22. August hat der SC DHfK Leipzig gemeinsam mit der Universitätsmedizin Halle, der Betreibergesellschaft ZSL der Quarterback Immobilien Arena Leipzig, Künstler Tim Bendzko und weiteren Partnern eine Konzert-Simulation durchgeführt. Dabei wurden mit Hilfe von rund 1500 Probanden drei verschiedene Szenarien der Durchführung eines Konzertes simuliert, jedes bestehend aus zwei Blöcken à 20 Minuten Musik mit einer Pause dazwischen. Die Idee dazu sei bereits Ende März/Anfang April entstanden, so der DHfK-Geschäftsführer: „Wir wollten herausfinden: Wo treffen die Menschen aufeinander, wie lange treffen sie aufeinander, was sind neuralgische Punkte, welche Flächen werden viel angefasst und wie verteilen sich Luftströme und damit auch Aerosole in der Halle?“, erklärt Günther die Ziele der Studie, die insgesamt fast eine Million Euro gekostet hat. Genaue Ergebnisse seien Anfang Oktober zu erwarten. 

Die Politik von der Durchführung des Experiments zu überzeugen sei „gar nicht so einfach gewesen“, erklärt Günther. Aus diesem Grund habe man sich ein Hygienekonzept mit „dreifachem Sicherheitsboden“ überlegt, so der Geschäftsführer des Leipziger HBL-Clubs weiter.  So mussten alle Teilnehmer der „Restart-19-Studie“ einen negativen Corona-Test vorweisen, eine FFP2-Maske tragen, am Eingang der Halle einen Hygienefragebogen ausfüllen sowie Fieber messen lassen. Das zeige, wie weit die Politik bei den Entscheidungen von der Lebensrealität abgedriftet sei, resümiert Günther: „Ich glaube tausend Menschen versammeln sich aktuell pro Stunde in jedem großen Supermarkt oder fahren gemeinsam U- und Straßenbahn. Und dort wird das als völlig normal und ungefährlich eingestuft.“ Im Vergleich zu vielen Alltagssituationen sei der Besuch eines Handballspiels bei einem entsprechenden Hygienekonzept ein „vertretbares Risiko“, sagt Günther.

Weit mehr als nur der Sport in Gefahr

Der Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig denkt bei der Entscheidung der Politik Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober zu verbieten auch über den Sport hinaus: „Was mich an der Entscheidung viel mehr ärgert, ist, dass man mit den ganzen Arbeitsplätzen, die in den Gewerken dahinterstehen – nämlich in der gesamten Veranstaltungsbranche – fahrlässig spielt.“ Hier würden „tausende, wenn nicht gar Millionen Jobs auf dem Spiel stehen“, verdeutlicht Günther den Ernst der Lage.

Neben den wirtschaftlichen Faktoren hebt der DHfK-Geschäftsführer auch den gesellschaftlichen Wert des Sports hervor: „Ich glaube fest daran, dass unsere Veranstaltungen und unsere Sportler einen absolut gesellschaftlichen Mehrwert haben.“ Dabei gehe es um Themen wie Identifikation, Integration, aber auch den Vorbildcharakter von Sportlern. „Wir sind kein verzichtbares Luxusgut, so wie es immer dargestellt wird“, betont er.

Mehr Dialog gefordert

Einen großen Ansatzpunkt für Verbesserungen sieht der Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig im Dialog: „Es werden viele Entscheidungen von oben herab getroffen, wo ich glaube, dass man sich der eigentlichen Wirkung der Entscheidung noch gar nicht klar ist.“ Als positives Beispiel nennt Günther den Freistaat Sachsen, hier sei der „Draht zur Politik sehr eng“. Das zeige auch die neue Corona-Schutzverordnung, die ab dem 1. September wieder Veranstaltungen mit über 1000 Leuten möglich macht. Damit sein Club jedoch auch künftig in einer Liga spielt, die stabil ist und in der gesichert ist, dass auch im Juni 2021 noch ein Gegner nach Leipzig kommen kann, bedürfe es „flächendeckende und einheitliche Lösungen in allen Bundesländern“, stellt Günther klar.  

Zum Ende des Gesprächs stellt der DHfK-Geschäftsführer zwei Kernforderungen an die Politik: „Ich glaube bis 999 Zuschauer sollte ein freieres Agieren möglich sein. Das zweite ist, dass Entscheidungen getroffen werden, die eine Relation herstellen zwischen Pandemie-Geschehen an dem jeweiligen Hallenstandort, der Hallengröße- und Beschaffenheit, der Durchlüftung, den Halleneingängen sowie der reellen Zuschauerzahl.“ Das jetzige Vorgehen der Politik sei „so nicht mehr hinnehmbar“, stellt Günther klar: „Pauschal zu sagen, Großveranstaltungen erlauben wir nicht – nur weil es sich um eine Bundesliga handelt –, können wir so nicht weiter akzeptieren.“

Foto: picture alliance/chromorange