UEFA Europa League Fußball

UEFA: Pro und Contra zum dritten Wettbewerb

Als die European Club Association (ECA) im September grünes Licht für die Einführung eines dritten UEFA-Wettbewerbs gab, hielt sich die Begeisterung darüber bei den Fußballbundesligisten in Grenzen. Manche Contra-Argumente sind aus Clubsicht nachvollziehbar, doch es könnte auch positive Effekte geben. Eine Analyse von Arnd Hovemann.

Starten wir mit einer sportlich-emotionalen Frage: Wie darf sich eigentlich der hoffentlich stolze Gewinner eines neuen, drittklassigen Wettbewerbs bezeichnen?

Der Sieger der UEFA Champions League ist zweifelsohne für den Moment die beste Clubmannschaft Europas – wenn auch nicht mehr der „Champion der Champions“, seitdem sich auch zweit- bis viertplatzierte Mannschaften für die „Königsklasse“ qualifizieren können. Bei der UEFA Europa League ist die Frage schon schwieriger zu beantworten. Für kritische Geister ist der Titelgewinner des zweithöchsten europäischen Club-Wettbewerbs jedenfalls nicht viel mehr als „The best of the rest“.

Gänzlich ratlos könnte man bei der von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) geplanten „Europa League 2“ werden. Wie heißt der Sieger des neuen, dritten Wettbewerbs? Ist dieser der „Beste der Mittelmäßigen“ oder der „Größte der Kleinen“?

Allein diese banale Frage nach dem Prestige verdeutlicht, dass es für die UEFA nicht einfach wird, den Wettbewerb zu vermarkten. Für potenzielle Teilnehmer aus der Fußballbundesliga steht vor diesem Hintergrund zu Recht die Befürchtung im Raum, dass nur geringe Preisgelder ausgeschüttet werden könnten und infolgedessen nach Deckung der Reisekosten kaum mehr etwas für die Teilnehmer übrig bleibt.

Dritter Wettbewerb: Sportlicher Reiz fehlt

Auch sportlich wird es für den Bundesliga-Siebten, der sich nach bisherigem Kenntnisstand voraussichtlich über Play-offs für die Hauptrunde der Europa League 2 qualifizieren muss, wenig attraktiv zugehen. Clubs, die bereits hin und wieder in der Europa League oder gar Champions League internationale Erfahrungen gesammelt haben, werden sich nachvollziehbarerweise schwer damit tun, ihre Spieler und Fans für ein Kräftemessen mit Kontrahenten aus kleineren Fußballnationen wie beispielsweise Andorra, Estland oder Moldawien zu motivieren. Einzig Bundesligisten, die entweder lange Zeit oder noch nie für einen UEFA-Wettbewerb qualifiziert waren, dürften in ihrem Umfeld ein wenig Euphorie entfachen, wenn es plötzlich auf Reisen ins europäische Ausland geht.

Aber auch deutsche Europacup-Neulinge werden bei allem Enthusiasmus feststellen, dass der sprichwörtliche „Tanz auf drei Hochzeiten“ durchaus kräftezehrend sein kann. Und diese Mehrbelastung wirkt sich erfahrungsgemäß negativ auf die sportlichen Leistungen in der laufenden Bundesligasaison aus. So spielte beispielsweise der FC Schalke 04 seit der Jahrtausendwende insbesondere dann eine starke Bundesligasaison und erreichte vier von fünf Vizemeisterschaften, wenn er nicht für einen UEFA-Wettbewerb qualifiziert war. Im jeweils darauffolgenden Jahr inklusive Teilnahme an der UEFA Champions League konnte der Verein die starke Leistung aus der Bundesliga-Vorsaison dann nicht wiederholen.

Als Folge einer zu erwartenden Mehrbelastung durch eine Teilnahme an einem zusätzlichen Wettbewerb müssen auch kleinere Clubs zwangsläufig erwägen, ob sie ihren Kader nicht um ein bis zwei Spieler ergänzen sollten. Das wiederum würde die Europa League 2 unter finanziellen Aspekten für einen Bundesliga-Club noch unattraktiver machen. Ganz abgesehen davon, dass insbesondere mögliche Qualifikationsrunden während der Sommervorbereitungsphase aus Clubsicht als äußerst störend und für die Trainingsarbeit kontraproduktiv einzuschätzen sind.

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Details zur geplanten Europa League 2

Die Europäische Fußball-Union (UEFA) will zur Saison 2021/22 einen dritten Clubwettbewerb einführen. Dieser soll unterhalb der Europa League angesiedelt werden. Die Details.

Teilnehmer: Am neuen Wettbewerb sollen 32 Mannschaften teilnehmen. Die Zahl der Teilnehmer an der Europa League wird gleichzeitig von bisher 48 auf künftig 32 Teams reduziert. Im UEFA-Vermarktungszyklus von 2021 bis 2024 werden dementsprechend in Summe 96 Clubs an den drei Clubwettbewerben der UEFA teilnehmen. Aktuell sind es 80 Teams – 48 aus der Europa League und 32 aus der Champions League.

Format (Modell 1): Das konkrete Format steht noch nicht fest. Nach Informationen der „Sport-Bild“ diskutiert die UEFA derzeit zwei Planmodelle, bei denen jeweils mit 32 Clubs in acht Vierergruppen gespielt würde. Der potenzielle deutsche Teilnehmer als Siebtplatzierter der Bundesliga müsste jedes Jahr eine Qualifikation spielen.

Die Variante des Modell 1 setzt voraus, dass es insgesamt fünf Play-off-Spiele für die bestehende UEFA Europa League gibt. Die fünf Verlierer dieser Play-off-Partien wären damit direkt für die neue Europa League 2 qualifiziert. Zudem wären zehn nationale Meister dabei, die im Länder-Koeffizienten der UEFA auf den Rängen 15 bis 55 liegen und früh in der Qualifikation für die UEFA Champions League gescheitert sind. Zudem können sich 17 Clubs der UEFA-Ränge 1 bis 55 qualifizieren – darunter wäre im Erfolgsfall auch der Tabellensiebte der Bundesliga.

Format (Modell 2): Dieses optionale Format setzt voraus, dass es acht Play-off-Spiele für die UEFA Europa League gibt. Dabei wären alle acht Verlierer dieser Play-off-Partien direkt für den neuen Wettbewerb Europa League 2 qualifiziert. Zudem wären auch hier wieder zehn Meister der UEFA-Ränge 15 bis 55 nach erfolgreicher Qualifikation für die Europa League 2 spielberechtigt. Hinzu kommen bei diesem Modell – ebenfalls nach erfolgreicher Qualifikation – nur 14 weitere Clubs der Ränge 1 bis 55, darunter auch hier die Bundesliga.

Gemäß eines Planspiels der UEFA könnte sich beispielsweise RB Leipzig in einer Vierergruppe mit Olympiakos Piräus (Griechenland), Rosenborg Trondheim (Norwegen) und The New Saints FC (Wales) wiederfinden.

Quelle: SPONSORs

Mehrerlöse aus DFL-Verteilung

Es ist aber wahrlich nicht alles schlecht an einem dritten europäischen Clubwettbewerb.

Die Tatsache, dass sich Erfolge auf internationalem Parkett bislang für einen Club positiv auf die Verteilung der Medienerlöse innerhalb der Bundesliga auswirken, kann unter Umständen auch bei der UEFA Europa League 2 für einen positiven Deckungsbeitrag einer Teilnahme sorgen – dies unter der Voraussetzung, dass der bisherige Verteilmechanismus der Deutschen Fußball Liga (DFL) tatsächlich auch für den neuen Wettbewerb Anwendung findet.

Denn bislang, in der laufenden Saison, schüttet die DFL rund 123 Millionen Euro (gut 50 Prozent) der internationalen Medieneinnahmen nach der sportlichen Leistung der Bundesligisten in den UEFA-Wettbewerben in den vergangenen fünf Jahren aus. Weitere rund 62 Millionen Euro (gut 25 Prozent) werden darüber hinaus nach der Anzahl der Teilnahmen an den UEFA-Wettbewerben in den vergangenen zehn Jahren verteilt. So kann sich ein Bundesligist allein bei einer einmaligen Teilnahme am Europapokal – selbst bei einem Ausscheiden in der Gruppenphase – über fünf beziehungsweise zehn Jahre durchaus einen Millionenbetrag pro Saison aus dem internationalen Medien-Topf der DFL sichern.

Europa League 2: Schaufenster für kleine Ligen

Darüber hinaus ist es nicht das Ziel der UEFA, durch einen neuen, dritten Wettbewerb Applaus von den großen Ligen oder den Top-Clubs zu bekommen. Vielmehr ist dieser Wettbewerb ein Zugeständnis an die kleineren Ligen. An dieser Stelle sei eine Bemerkung erlaubt: Ja, natürlich kann sich UEFA-Präsident Aleksander Čeferin

somit wichtige Stimmen für die erhoffte Wiederwahl beim nächsten UEFA-Kongress Anfang Februar 2019 in Rom sichern. Doch ungeachtet dessen mögen sich auch viele Branchenteilnehmer fragen: Was ist grundsätzlich daran verkehrt, dass auch kleinere Clubs die Gelegenheit bekommen, sich international miteinander messen und bei einem UEFA-Wettbewerb auch mal die Gruppenphase und weitere K.-o.-Runden erreichen zu können?

Positiv betrachtet bekommen Clubs und Spieler kleinerer Ligen durch die Europa League 2 eine sportliche Plattform. Ein Schaufenster, um sich international präsentieren zu können und sich für künftige Transfers zu größeren Clubs interessant zu machen. Dies ist dann auch für deutsche Clubs – im ersten Schritt beim Scouting und dann bei Transfers – begrüßenswert, da potenzielle Neuverpflichtungen spätestens ab dem Viertelfinale der Europa League 2 sicherlich besser eingeschätzt werden können, da das Niveau höher ist als bei einer vergleichsweise belanglosen Begegnung in der jeweiligen nationalen Liga.

Stuttgart Freiburg Bundesliga Fußball
Bildunterschrift
Stuttgart vs. Freiburg: Die Bundesliga-Siebten der Saison 2016/17 und 2017/18 kämpfen künftig um die Europa League 2.

„Competitive Balance“ im europäischen Fußball wichtig

Auch aus Sicht der Bundesliga kann es positive Effekte durch einen neuen Europapokal-Wettbewerb geben – weil er für ein finanzielles und damit auch sportliches Gleichgewicht sorgen könnte.

Um diesen Sachverhalt zu verstehen, muss man etwas weiter ausholen. Um für Zuschauer attraktiv zu sein, ist ein ausgeglichener, spannender und abwechslungsreicher Wettbewerb wichtig. Im Fachjargon spricht man von einer ausgeglichenen „Competitive Balance“. Dabei dürfte unstrittig sein, dass sich ein zahlungskräftiger Club – effektives und effizientes Handeln vorausgesetzt – durch Spielerkäufe sportliche Vorteile gegenüber finanziell schwächeren Clubs verschaffen kann. Die Einnahmesituation der Clubs ist also einer der zentralen Einflussfaktoren auf die „Competitive Balance“.

Dem Gedanken der „Competitive Balance“ folgend, ist ein möglichst breites Teilnehmerfeld bei den UEFA-Wettbewerben daher grundsätzlich positiv zu bewerten. Derzeit ist dies nicht der Fall: Aktuell treten 32 Mannschaften in der Champions League gegeneinander an, 48 Mannschaften sind es in der Europa League – in Summe also 80 Teams. Künftig jedoch sollen in allen drei Wettbewerben jeweils 32 Mannschaften in der Gruppenphase an den Start gehen, sprich: insgesamt 96 Teams.

Damit die „Competitive Balance“ stabil bleibt und ein sportliches Auseinanderdriften der Clubs tendenziell verhindert wird, sollten die Erlösunterschiede zwischen Champions League, Europa League und Europa League 2 idealerweise möglichst gering gehalten werden. Auch dies ist derzeit eindeutig nicht gegeben. Die jüngste Reform der Champions League zielt ebenfalls in die entgegengesetzte Richtung: Durch die neue Verteilung der Gelder ab der laufenden Saison 2018/19 werden die Dauervertreter in den Finalrunden des Wettbewerbs nun noch großzügiger bedacht.

Theoretisch kann die „Competitive Balance“ im Clubfußball also durch die Einführung der Europa League 2 verbessert werden. Allerdings muss dafür in der Praxis auch die Geldverteilung entsprechend geregelt sein und angepasst werden.

Langeweile im Saisonendspurt: gegen das „tote Mittelfeld“

Ein anderer positiver Effekt eines größeren Teilnehmerfelds bei den europäischen Club-Wettbewerben ist, dass in den jeweiligen nationalen Ligen, über die sich die Clubs qualifizieren, das sogenannte „tote Mittelfeld“ kleiner wird. Denn allzu oft geht es in den letzten Saisonspielen sportlich um nichts mehr, wenn beispielsweise der Neunte gegen den Elften spielt und für beide Clubs keine wesentlichen Tabellensprünge nach oben oder unten mehr möglich sind.

In der Bundesliga sind die Plätze 7 bis 15 in der Regel lediglich für die Verteilung der Medienerlöse relevant. Das ist Spielern jedoch schwer vermittelbar und wirkt sich nicht wirklich auf die Motivation einer Mannschaft aus.

Auch die Zuschauer lockt die Perspektive, dass sich ihr Lieblingsclub noch im „TV-Ranking“ verbessern kann, nicht hinter dem Ofen hervor beziehungsweise: Dies ist kein gutes Argument für einen Stadionbesuch. Insbesondere Ligen mit 20 Clubs, wie die spanische La Liga, die französische Ligue 1, die englische Premier League und die italienische Serie A, haben mit einem „toten Mittelfeld“ zu kämpfen. Aber auch in Ligen kleinerer Nationen mit weniger teilnehmenden Clubs, die bislang nur wenige Starter für die UEFA-Wettbewerbe stellen durften, kann es zum Saisonende zu belanglosen Partien kommen.

Zu guter Letzt ist zu erwähnen, dass durch die Einführung der Europa League 2 die Europa League aufgewertet wird. Denn sie wird durch die Reduktion von 48 auf 32 Teilnehmer interessanter, da weniger unbekannte und vermeintlich schwächere Clubs teilnehmen.

Der Autor
Arnd Hovemann

Arnd Hovemann (44) war von Januar 2016 bis Mai 2018 Direktor Sport Administration beim FC Schalke 04. Zuvor war er bereits seit 2010 als Leiter Finanzen und Controlling Sport bei den „Königsblauen“ tätig. Bevor Hovemann zum FC Schalke 04 wechselte, war er Manager und Leiter der Abteilung Sports Consulting der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY.

Fazit

Die große Aufregung um die Einführung eines dritten Europapokals scheint etwas übertrieben zu sein. Es gibt durchaus auch gute Argumente für die Austragung einer Europa League 2 – wenn auch weniger aus deutscher Perspektive als vielmehr aus Sicht kleinerer europäischer (Fußball-)Nationen. Diesen wird durch den neuen Wettbewerb eine Möglichkeit gegeben, sich international präsentieren zu können. Eine kurzfristige Umsatzmaximierung für die UEFA, wie vielfach unterstellt, steht dabei eher weniger im Vordergrund und ist unrealistisch.

Darüber hinaus hat es die UEFA künftig selbst in der Hand, durch eine stärkere Umverteilung der Champions-League-Einnahmen die Europa League und die Europa League 2 zu stärken. Somit kann mittelfristig die „Competitive Balance“ in den nationalen Ligen verbessert werden, was eine der wesentlichen künftigen Herausforderungen für den europäischen Fußball darstellt.

Nach der ECA muss im Dezember das UEFA-Exekutivkomitee über die Einführung der Europa League 2 entscheiden – Widerstand ist dabei nicht zu erwarten.

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