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Segeln: Herausforderungen einer Nischensportart

Kaum eine Sportart liefert spektakulärere Bilder als der Segelsport. Und doch ist die Vermarktung alles andere als einfach. Wer im Segelsport Geld verdienen will, muss zuerst die komplizierte Organisation der Sportart verstehen. Welche Rolle spielen Verbände? Warum gibt es immer neue Wettbewerbe? Und wie kann der Segelsport verständlicher werden?

Beginnen wir mit einem Quiz. Erste Frage: Bei welcher der drei prestigeträchtigsten Regatten der Welt fahren die Segler alle vier Jahre einmal um den Globus? a) America’s Cup, b) Volvo Ocean Race oder c) Vendée Globe.

Zweite Frage: Welches der folgenden Segelteams aus Deutschland ist die deutsche Nationalmannschaft? a) German Ocean Racing Team, b) German Sailing Team oder c) Offshore Team Germany.

Dritte Frage: Mit welcher Marketingaktion sorgte Hugo Boss im Segelsport für Aufsehen? a) Ein Skipper lief den Mast seines Bootes hoch und sprang ins Wasser, b) Die Crew eines Bootes trug bei einer Regatta ausschließlich schwarze Anzüge oder c) Ein Boot kenterte absichtlich kurz vor der Ziellinie.

Vermutlich haben Sie nicht jede Frage richtig beantwortet (Lösung am Ende der Seite). Doch das ist keinesfalls verwerflich. Vielmehr zeigt es, dass selbst solche für Segelinteressierte verhältnismäßig einfache Fragen den Nicht-Experten eher raten lassen. Dies liegt vor allem an der Komplexität des Segelsports.

Es gibt Hunderte von Bootsklassen, jedes Jahr kommen neue hinzu. Es gibt unzählige Regatten und Millionen von Fahrten- und Regattaseglern. Zudem wird die Sportart vornehmlich von der Bootsindustrie beeinflusst, die den Segelsport gern als Bühne für ihre neuesten Boote nutzt. Wer sich nicht auskennt, spricht deshalb gern von einem undurchsichtigen Geflecht. Segelkenner hingegen sehen das vermeintliche Durcheinander als bunten Strauß an Möglichkeiten, in dem jeder das passende Boot und den passenden Wettbewerb findet.

Für beide Sichtweisen gibt es nachvollziehbare Gründe, wie dieser erste Part eines mehrteiligen Artikels zu den Entwicklungen im Segelsport zeigen soll. Darüber hinaus gab es in den vergangenen Jahren einige spannende Neuerungen, die der Sportart nicht nur aus Sportler- und Rechtehaltersicht neue Impulse brachten, sondern sie auch für die werbetreibende Industrie interessanter machen.

Zwar ist Segeln gemessen an der Zahl der Leistungssportler nach wie vor ein Nischensport, aber Teil eines wachsenden, umsatzstarken Milliardenmarkts. Allein in Deutschland betrug im Jahr 2017 der Umsatz im Wassersportmarkt, zu dem auch Segeln gehört, nach Branchenschätzungen mehr als zwei Milliarden Euro.

Die Vermarkter des Segelsports sehen vor allem großes Potenzial bei jenen, die sich als segelinteressiert bezeichnen. Von denen gibt es laut einer Nielsen-Sports-Studie von November 2017 weltweit fast 250 Millionen (siehe Grafik „Zielgruppenanalyse: Wer interessiert sich für Segelsport?“). Allein in Deutschland sind es demnach 7,5 Millionen Menschen – sowohl Männer als auch Frauen, vornehmlich mit höherer Ausbildung und vergleichsweise hohen Einkommen.

Segelinteressierte
Segeln Zielgruppe

Derartige Zahlen sollten grundsätzlich positiv stimmen. Um jedoch den Segelsport, seine jüngsten strukturellen Entwicklungen sowie die noch immer sehr großen Herausforderungen zu verstehen, bedarf es eines genaueren Blickes auf die organisatorischen Gegebenheiten.

Problem 1: Komplizierte Verbandsstrukturen

Im Kern verfügt der Segelsport über eine klassische Shareholder-Struktur, die sich pyramidenförmig skizzieren lässt. Die Basis bilden die Segler, die in Freizeit- und Regattasegler unterteilt werden können. Da sich dieser Artikel mit der Vermarktung einer Sportart befasst, konzentriert er sich auf den Leistungssportbereich des Segelns, sprich das Regattasegeln. Gemessen an der deutlich geringeren Anzahl an Regattaseglern im Vergleich zur Zahl der Freizeitsegler wird der Segelsport deshalb in diesem Artikel als Nischensportart bezeichnet.

Wer segelt, wird Mitglied in einem Club (Ebene zwei). Allein in Deutschland gibt es laut dem Deutschen Segler-Verband (DSV) derzeit rund 1300 Clubs. Einer der größten ist der Norddeutsche Regatta Verein mit derzeit rund 2000 Mitgliedern und Sitz an der Alster in Hamburg. Weltweit zählen Clubs meist zwischen 7 und 4000 Segler.

Die dritte Ebene bilden die nationalen Verbände, zum Beispiel der Deutsche Segler-Verband (DSV). 145 solcher Nationalverbände gibt es weltweit, die wiederum Mitglieder im Weltseglerverband World Sailing sind, der Spitze der Pyramide.

Was jedoch rein der Logik folgend in dieser Struktur fehlt, ist die Ebene der Kontinentalverbände, wie es sie zum Beispiel im Fußball gibt. Dies führt dazu, dass sich jeder Nationalverband derzeit mit seinen Anliegen direkt an den Weltverband World Sailing wenden muss.

Ein Beispiel: World Sailing ist unter anderem für die Auswahl der Bootsklassen (Disziplinen) bei den Olympischen Spielen zuständig, dem für das Segeln wichtigsten sportlichen Wettbewerb überhaupt. Zwar darf jeder der 145 Mitgliedsverbände bei wichtigen Entscheidungen auf Weltverbandsebene mitbestimmen (ein Stimmzettel pro Nation). Historisch bedingt ist der Weltverband jedoch seit Jahrzehnten durch große Segelnationen wie Australien, England und die USA geprägt. Deren Nationalverbände, so heißt es, würden die Richtung grundsätzlicher Entscheidungen vorgeben, auch mit Blick auf die Olympischen Spiele. Mit einer Kontinentalebene innerhalb der Pyramide könnte hingegen der Einfluss beispielsweise auch aus Europa – mit traditionsreichen Segelnationen wie Dänemark, Frankreich, Italien, Norwegen, Russland, Schweden und auch Deutschland – größer werden. Die Hoffnung der Europäer ist, dass dadurch zum Beispiel auch die Wahl der olympischen Bootsklassen künftig besser als bisher zu den auch von europäischen Seglern gefahrenen Bootsklassen passt.

Problem 2: Internes Strukturgeflecht

Ein anderes grundsätzliches Problem, das sich jedoch auch mit dem Einziehen einer zusätzlichen Kontinentalebene nur schwer lösen lassen wird, sind die Strukturen innerhalb von World Sailing sowie beim Gros der Nationalverbände.

Die Kritik richtet sich vor allem an die Organisationsstrukturen innerhalb der Verbände. Diese seien oftmals so verzweigt, dass Ideen und Anträge zunächst diverse Räte, Gremien und Ausschüsse passieren müssten, bis irgendwann eine Entscheidung gefällt werde.

Innerhalb des DSV beispielsweise gibt es allein 20 Ausschüsse zu Spezialthemen wie Olympische Spiele, Seeregatta, Führerschein, Recht, Umwelt oder Schlichtung. Hinzu kommen ein elfköpfiges Präsidium sowie ein Seglerrat mit fast 40 Personen, an den das Präsidium in vielen Fragen berichten muss.

Ein Beispiel dafür: Bei World Sailing hat der aktuelle Präsident Kim Andersen bei seiner Kandidatur um das Amt ein aus deutscher Sicht sehr innovatives Programm zur Neuausrichtung des Weltverbandes vorgestellt. Heute, zwei Jahre später, muss der Däne ernüchtert feststellen, dass sich seine Ideen im Strukturgeflecht verfangen haben.

Man könnte meinen, dass die Kritik an der Verbandsarbeit ausschließlich aus einer Richtung kommt. Etwa von den Sportlern, die ihre Interessen nicht vertreten sehen, oder von Event-Organisatoren, die an langsamen Entscheidungsabläufen verzweifeln. Tatsächlich kommt sie jedoch von allen Seiten: von Sportlern, von Rechtehaltern, von Vermarktern und sogar von Sponsoren. „Wenn man den Verband umstrukturieren will“, sagt ein mit World Sailing vertrauter Gesprächspartner, „dann spricht man quasi mit den Fröschen über die Trockenlegung des Sumpfes“.

Problem 3: Finanzschwacher Weltverband

Was das Ansehen des Weltsegelverbands innerhalb des Segelsports weiter schwächt, ist die Tatsache, dass er auch wirtschaftlich kaum eine Rolle in seiner eigenen Sportart spielt. So steht im Finanzbericht von World Sailing für das Geschäftsjahr 2017 am Ende ein Minus von 5,2 Millionen Pfund (umgerechnet 5,9 Millionen Euro). Die Gründe dafür waren unter anderem hohe Personalkosten sowie kaum vorhandene Einnahmen über Sponsoren. Zwar verfügt der Verband mit Sitz in London aktuell noch über Reserven in Höhe von 8,9 Millionen Pfund (10,1 Millionen Euro), doch Verbandsmitglieder haben gegenüber der englischen Segelfachpresse bereits Zweifel daran geäußert, dass es World Sailing bei der anhaltenden Finanztalfahrt im Jahr 2019 überhaupt noch geben wird.

Problem 4: Fehlende Hierarchien im Segeln

Die komplizierte organisatorische Struktur auf Verbandsebene ist letztlich auch ein Grund, weshalb der Segelsport heute so unübersichtlich ist. Was fehlt, ist eine klare Hierarchie des Sports, wie es sie in anderen Sportarten beispielsweise mit Liga-Systemen gibt – von der Kreisliga bis zur Champions League. Stattdessen finden diverse Wettbewerbe einfach außerhalb und ohne Beteiligung der Verbände statt.

Aktuell wird das Regattasegeln in fünf Kategorien aufgeteilt:

  • Olympische Spiele (ein Event alle vier Jahre)
  • Grand Prix (circa 10 bis 15 Events pro Jahr, zum Beispiel America’s Cup)
  • Ligen (jährliche Wettbewerbe, 20 nationale Segelligen weltweit, zum Beispiel Segelbundesliga)
  • Bootsklassen (circa 300 Bootsklassen mit nationalen Meisterschaften, Kontinental- und Weltmeisterschaften, zum Beispiel TP52)
  • Offshore-Events (circa 40 Events pro Jahr, zum Beispiel Vendée Globe).

Schnell fragt man sich als Außenstehender: Und welche Regatta ist aus Sicht von Sportlern, Sponsoren und Medien die wichtigste (siehe Grafik „Geschäftspotenziale von ausgewählten Segelevents“)? Welche Serie wird wie stark medial konsumiert? Und bei welcher Regatta würde sich ein Einstieg als Sponsor lohnen? Viele Fragen, die aber eher abschreckend als einladend wirken.

Und es wird noch komplizierter, weil der Sport sehr stark von der Bootsindustrie bestimmt wird. Jedes Jahr bringen Bootsbauer rund um den Erdball neue Jollen, Yachten oder Katamarane auf den Markt, die von den unterschiedlichen Seglern gekauft und schließlich auch bei Regatten gesegelt werden. Sind die Boote technologisch veraltet oder nicht mehr nachgefragt, gibt es neue Boote, neue Regatten, neue Sieger. Dadurch wird der Segelsport stetig unübersichtlicher.

 

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Mehr Struktur durch Liga-System

Oliver Schwall ärgert sich seit vielen Jahren über das Durcheinander in seinem Sport. Schwall ist an der Ostsee geboren, hat Bronze-, Silber- und Goldmedaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften im Segeln gewonnen und sagt heute: „Dem Segelsport ist abhandengekommen, dass er sich darüber Gedanken macht, wie er sich eigentlich darstellt. Jeder, der am lautesten schreit, glaubt, er ist der neue Nukleus des Segelsports.“

Deshalb hat Schwall vor einigen Jahren eine „neue Logik“, wie er es nennt, für Wettbewerbe im Segelsport entwickelt. Zusammen mit dem dreifachen Segel-Olympiasieger Jochen Schümann und und der zweifachen Olympia-Teilnehmerin Katrin Adlkofer gründete er – zusammen mit den führenden Segelclubs und ohne Beteiligung des DSV –2013 die „Deutsche Segel-Bundesliga“ (DSBL), ein im weltweiten Segelsport bis dato völlig neues Konzept. Ziel war es, das aus anderen Sportarten bekannte und gelernte Liga-System (Club gegen Club) auf das Segeln zu übertragen.

Die Idee der DSBL ist simpel: Die besten 18 Segelclubs treten über eine Saison hinweg bei mehreren Regatten in ganz Deutschland gegeneinander an. Neu für den Segelsport ist dabei, dass nicht wie bisher einzelne Segler im Fokus stehen, sondern die Clubs.

Zudem stellt die Deutsche Segel-Bundesliga GmbH, deren Geschäftsführer Schwall ist, für alle Teams einheitliche Boote zur Verfügung. Die Länge der Rennen beträgt nur maximal 15 Minuten, um sie für die Zuschauer kurzweiliger und attraktiver zu machen. Gesegelt wird am Ende um den Status des besten Segelclubs in Deutschland.

„Wir werden mit diesem Konzept nicht das ganze Problem des Segelns lösen“, sagt Schwall, „aber wir treten den Beweis an, dass Segeln durchaus in der Lage ist, so wie andere Sportarten eine Orientierung zu bieten – trotz der Komplexität des Sports“.

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Bildunterschrift
Einheitliche Boote: Konzept der Segel-Bundesliga will Segelsport mehr Struktur geben.

(Fotocredit: DSBL/Lars Wehrmann)

Einen Beweis für den Erfolg der DSBL gibt es bereits, denn die Liga entwickelt sich aktuell zum Exportschlager. 20 Länder haben mittlerweile das in Hamburg entwickelte Liga-System übernommen, jüngst sogar die Segelnation Australien.

Das Geschäftsmodell funktioniert wie folgt: Interessierte Segelnationen müssen Mitglied in der International Sailing League Association (ISLA) werden, die Schwall und sein Team aufgebaut haben. Die ISLA gibt das Regelwerk für das Liga-System vor. Die Optionsrechte für die Vermarktung der jeweiligen Länder liegen ebenfalls bei Schwall sowie dessen Hamburger Agentur Konzeptwerft. Solange allerdings gewisse Branchenexklusivitäten wie zum Beispiel im Bereich Automobil gewahrt werden, können Schwall und sein Team auch ihre eigenen Partner in die jeweiligen Ligen einbinden. So sind beispielsweise die aktuellen Bundesliga-Partner Gazprom und Nord Stream derzeit in fünf weiteren Ländern Liga-Partner, SAP sogar in acht Ländern und somit bei fast der Hälfte aller bislang existierenden Ligen.

Als Weiterführung des nationalen Liga-Systems wurde 2014 noch die Sailing Champions League gegründet, eine Event-Serie, zu der sich die fünf Top-platzierten Clubs pro Land qualifizieren. Davon abgeleitet gab es im vergangenen Jahr zudem erstmals eine Sailing Champions League für Frauen im Rahmen der Kieler Woche sowie eine Youth Sailing Champions League (U23) bei der Travemünder Woche.

Allein die Entwicklung eines neuen Sportkonzepts, basierend auf einer aus anderen Sportarten gelernten Struktur mit einem einheitlichen Regelwerk, führt jedoch nicht zwangsläufig auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg für alle Beteiligten – wenngleich es der Segel-Bundesliga gelungen ist, die Sponsoren der ersten Stunde wie Audi und SAP zu mittlerweile langjährigen Partnern zu machen.

SPONSORs Research
Segelanalyse Teil 2: Best Cases im Sponsoring

Lesen Sie hier im zweiten Teil der Segelsportanalyse, welche Möglichkeiten die Sportart für Sponsoren bietet. Unternehmen wie Audi, Hugo Boss und SAP zeigen, dass ein Engagement im Nischensport durchaus Sinn machen kann.

Lösung des Quiz:

1.Frage C: Vendée Globe

2.Frage B: German Sailing Team

3.Frage A: Mast Walk

 

Bildcredit des Aufmacherfotos: Ainhoa Sanchez/Volvo Ocean Race

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