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Inglewood Stadium: Epizentrum des Alltags

Das sich im Bau befindliche Inglewood Stadium in Los Angeles setzt neue Arena-Maßstäbe – vor allem mit den Baukosten von über vier Milliarden Euro. Das Besondere: Die künftige NFL-Spielstätte soll nur ein kleiner Teil eines großen Sport- und Unterhaltungsbezirks sein.

Jüngst wurde in der SPONSORs-Redaktion diskutiert, auch nach entsprechenden Anregungen aus der Branche, ob wir einen Artikel über die Verkehrsanbindungen der Bundesliga-Stadien schreiben sollen. Insbesondere darüber, wie gut die Arenen mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu erreichen sind. Es ging auch um die Fragen, wie weit die Arenen vom Stadtzentrum entfernt sind und in welchen Frequenzen sie an den Spieltagen von Bussen und Bahnen angefahren werden. Am Ende wurde der Artikel nicht umgesetzt, da der Business-Bezug nicht vollumfänglich gegeben war.

Dass das Thema offenbar in der Branche eine gewisse Relevanz hat, hat damit zu tun, dass einige Bundesliga-Stadien nicht besonders gut angebunden sind – vor allem, weil sie nicht besonders zentral liegen. Der Trend bei Stadionneubauten ging in den vergangenen Jahren dahin, Arenen etwas abgelegen auf zuvor nicht erschlossenen Flächen zu bauen. Beispiele dafür sind unter anderem die Münchner Allianz Arena, die Mainzer Opel Arena oder auch die Continental Arena in Regensburg. Ein Stadion auf der grünen Wiese zu bauen, bringt die Möglichkeit, ausreichend Parkplätze zu schaffen. Dafür sind diese Arenen aber auch ein wenig „ab vom Schuss“.

Bauzustand
Bildunterschrift
Aktueller Bauzustand: Das Inglewood Stadium in Los Angeles.

Größer als 100 Fußballfelder

Mit einem dazu gegensätzlichen Ansatz wird derzeit das Inglewood Stadium gebaut, mit geschätzten Kosten von 4,4 Milliarden Euro ist die Arena die teuerste Sportstätte der Welt. Sie entsteht in Los Angeles, konkret im Stadtteil Inglewood, und wird ab 2020 die Heimat der Los Angeles Chargers und der Los Angeles Rams aus der National Football League (NFL) sein.

Das Inglewood Stadium liegt nicht nur vergleichsweise zentral in einer Weltstadt. Es ist zugleich eine Art „Stadt in der Stadt“ und das Stadion nur ein Teil eines 745000 Quadratmeter großen Geländes, das der doppelten Größe des Vatikans entspricht oder mehr als 100 Fußballfeldern. Neben der Arena umfasst der sogenannte Los Angeles Stadium and Entertainment District at Hollywood Park (Lased) beispielsweise ein Hotel, 2500 Wohneinheiten für Privatpersonen sowie Büroflächen.

Kevin Demoff, Chief Operating Officer der Los Angeles Rams, sagte jüngst der „Washington Post“: „Bei Stadionprojekten versucht derzeit jeder herauszufinden, wie man die Arena zum Epizentrum des Alltags machen kann. Hoffentlich wird unser Projekt zum Paradebeispiel.“ Er berichtete zudem von den ersten Gedankenspielen zum Stadionprojekt, die Grundfrage sei dabei gewesen: „Wie können wir etwas erschaffen, was in Südkalifornien einzigartig ist und die Sichtweise verändern wird, die Menschen derzeit von Sport- und Entertainment-Geländen haben?“

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Drei Trends für die digitale Stadionzukunft

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Die vereinfacht zusammengefasste Idee der Eigentümer: Die neue Arena als „Leuchtturm“ wertet das umliegende Stadtgebiet ohnehin auf. Diese Aufwertung wird durch zusätzliche Neubauten beschleunigt. Zudem partizipiert der Eigentümer, wenn er einmal umfassender investiert, langfristig auch umfassender von der Aufwertung.

Im konkreten Fall von Inglewood scheinen die Voraussetzungen, den Stadtteil mit einem neuen Stadion- und Unterhaltungskomplex aufzuwerten, aus zwei Gründen günstig zu sein: Zum einen hat der Stadtteil im Vergleich mit anderen Bereichen von Los Angeles eine eher hohe Arbeitslosenquote. Auch wenn diese in den letzten Jahren deutlich gesunken ist, lag sie Anfang 2017 mit 6,8 Prozent noch über dem Durchschnitt für Los Angeles (4,9 Prozent). Zum anderen hat die Gegend eine gewachsene Profisport-Historie und war einst das Sport-Mekka von Los Angeles. So war die noch heute existierende Arena „The Forum“ bis kurz vor der Jahrtausendwende über 30 Jahre die Heimat der Los Angeles Lakers aus der National Basketball Association (NBA) und der Los Angeles Kings aus der National Hockey League (NHL). An diese Tradition wollen nun die NFL-Clubs Rams und Chargers anschließen.

Inglewood Stadium

Ort: Inglewood (Metropolregion Los Angeles)

Baubeginn: November 2016

Fertigstellung (geplant): Sommer 2020

Gesamtkosten (geschätzt): 4,4 Mrd.€

Eigentümer: Kroenke Sports & Entertainment, Hollywood Park Land Company LLC

Architektenbüro: HSK

GELÄNDE

Das Inglewood Stadium ist in ein 745000 Quadratmeter großes Gelände eingebettet, was ungefähr der doppelten Fläche des Vatikans entspricht. Auf dem Gelände werden sich darüber hinaus folgende Immobilien und Infrastruktur befinden:

Weitere Veranstaltungshalle: 6000 Plätze

Parkfläche: 101000 Quadratmeter

Shopping-Area: 82000 Quadratmeter

Bürogebäude: 72000 Quadratmeter

Hotel mit 300 Zimmern

2500 private Wohneinheiten

INGLEWOOD STADIUM

Kapazität: 70240 Plätze (erweiterbar auf 100240)

Logen: 275

Hometeams: Los Angeles Chargers, Los Angeles Rams (beide NFL)

Geplante Events: Super Bowl 2022, Finale College Football 2023, Olympische Spiele 2028 (Fußballspiele)

Vermarktung: Legends Global Sales

Vorbild in der eigenen Stadt

Auch wenn der Ansatz eines Stadions als Teil einer eigenen Kleinstadt grundsätzlich noch nicht weit verbreitet ist, gibt es durchaus schon andere Beispiele – auch in Los Angeles. So spielen die Kings und die Lakers – wie auch der zweite NBA-Club der Stadt, die Clippers – seit ihrem Auszug aus „The Forum“ im Staples Center. Um diese Multifunktionsarena und ein Kongresszentrum herum wurde vor gut zehn Jahren der Unterhaltungsbezirk „L.A. Live“ entwickelt. Dieser ist über 500 000 Quadratmeter groß und kostete mehr als zwei Milliarden Euro. Eigentümer des Geländes ist die Anschutz Entertainment Group (AEG).

Eben jene AEG hat ein vergleichbares Gebiet in den vergangenen Jahren auch in Berlin entwickelt. So wurde um die Mercedes-Benz Arena im Stadtteil Friedrichshain herum, unweit des Spreeufers, in den vergangenen Jahren der Mercedes Platz gebaut. Dieser ist mit 20 500 Quadratmetern im Vergleich zu den US-Beispielen zwar deutlich kleiner, die Grundidee ist aber eine ähnliche: Durch weitere Angebote, beispielsweise ein Kino, Restaurants oder ein Hotel, soll der Bereich um die Arena zusätzlich aufgewertet werden. Im Berliner Fall ist das auch ein klarer Mehrwert für den Namenspartner Mercedes-Benz, der 2013 unweit der Arena seine Deutschland-Vertriebszentrale eröffnet hat, in der 1400 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Finanzierung über Platzlizenzen

Neben dem Verständnis, dass die Arena nur ein Teil eines größeren Stadtteilprojektes ist, gibt es beim Inglewood-Stadion einen weiteren Aspekt, der für das deutschsprachige Sportbusiness neuartig ist. So setzen die NFL-Clubs, die in der Arena spielen werden, in der Teilrefinanzierung der Kosten auf die Ausgabe sogenannter Stadium Seat Licenses (SSL). In Europa sind diese auch unter dem Begriff „Debenture“ bekannt.

Formal handelt es sich bei einer SSL um eine Kaution, sodass der Käufer das Geld nach einer gewissen Zeit zurückerhält. In dem konkreten Inglewood-Fall erfolgt dies im Jahr 2068. Dabei werden die SSLs für alle Plätze in der Arena angeboten. Der Käufer erhält mit dem Erwerb das Recht, Tickets für den jeweiligen Platz für die Spiele zu erwerben. Die SSL-Preise variieren dabei und sind abhängig von der Lage des Sitzplatzes in der Arena.

Bei den Spielen der Rams liegen die SSL-Preise zum Beispiel zwischen umgerechnet knapp 900 und 90 000 Euro, bei den Chargers zwischen etwa 90 und 66000 Euro. In Summe planen beide Clubs laut US-Medien mit Einnahmen zwischen 700 Millionen und 900 Millionen Euro durch das SSL-Modell.

In den USA ist der Finanzierungsansatz mithilfe von SSLs durchaus verbreitet und wird beim Bau von neuen NFL-Arenen häufig verwendet. Auch bei den in den vergangenen Jahren gebauten Arenen der NFL-Clubs Atlanta Falcons und San Francisco 49ers lagen die SSL-Preise in der Spitze umgerechnet im fünfstelligen Euro-Bereich.

Kaufmännisch betrachtet handelt es sich bei dem SSL-Modell letztlich um einen sehr langfristig angelegten und vor allem unverzinsten Kredit. Angesichts tendenziell eher steigender Baukosten für Sportstätten verwundert es ein wenig, dass sich das Modell bisher in Europa kaum durchgesetzt hat. Lediglich in Großbritannien gibt es einige Fallbeispiele, etwa beim FC Arsenal. Außerdem wurde das Finanzierungsmodell auch bei einigen Rugby-Events sowie beim Tennisturnier in Wimbledon angewandt.

In Deutschland sind Beispiele von SSL-Finanzierung bislang nicht bekannt – und werden offenbar zumindest kurzfristig auch nicht zum Trend werden. Auf Nachfrage gaben jedenfalls Hertha BSC und der SC Freiburg, die beide einen Stadionneubau planen, nur in aller Kürze an, dass SSL für sie keine Option sei.

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