Formel 1 ohne Ecclestone: Liberty und die Saison 2019

Formel 1 ohne Ecclestone: Liberty und die Saison 2019

2019 hat die Formel 1 ihren 70. Geburtstag. Und beim Grand Prix in China steht mit dem 1000. Rennen ein weiteres Jubiläum an. Ob 2019 für die „Königsklasse“ ein Jahr zum Feiern wird, muss sich aber erst noch zeigen. Denn jüngst musste Liberty Media rote Zahlen für das Geschäftsjahr 2018 der Formel 1 ausweisen. Zudem stehen komplizierte Verhandlungen über die Zukunft der Formel 1 ab 2021 an. Wird der Besitzer der „Königsklasse“ am Ende alle Parteien zufriedenstellen können?

Kritische Äußerungen aus den eigenen Reihen sind in der Formel 1 fast schon üblich. Auch die Verantwortlichen von Liberty Media bekamen seit ihrer Formel-1-Übernahme zur Saison 2017 viel Gegenwind zu spüren – jüngst vor allem von Streckenbetreibern und Teams. Der Hauptvorwurf: Liberty habe sich zu sehr auf Anpassungen im Marketing beschränkt und gleichzeitig strukturelle Themen wie die Geldverteilung innerhalb der Serie oder Veränderungen im Regelwerk vernachlässigt.

Die permanente Kritik veranlasste zuletzt sogar Jean Todt zu einer Reaktion. Der Präsident des Automobil-Weltverbands (FIA) sagte Anfang März im Rahmen des „Genfer Autosalons“: „Die Formel 1 ist eine Welt voll von Kontroverse. Die Leute versuchen immer, statt positiv heranzugehen und ein tolles Motorsport-Produkt aufzubauen, etwas zu finden, was nicht läuft.“

Einerseits hat Todt recht: Es sollten binnen zwei Jahren keine Wunderdinge auf allen Ebenen von Liberty Media erwartet werden. Und ohnehin: Eine kritikfreie Formel 1? Die gab es auch zu Zeiten des Formel-1-Promoters Bernie Ecclestone nur selten. Andererseits existieren in der „Königsklasse“ diverse Probleme, für die Liberty Media Lösungen entwickeln muss.

Umsatzverteilung in der Formel 1

Geschäftsjahr 2018 der Formel 1: 68 Millionen Dollar Verlust

Eine der offensichtlicheren und relevanteren Problemzonen sind die Finanzen der Formel 1. In ihrem kürzlich veröffentlichten Bericht zum Geschäftsjahr 2018 wies die Rennserie einen Verlust in Höhe von 68 Millionen US-Dollar aus.

Der Verlust kommt zum einen durch Investitionen in die digitale Infrastruktur und in Personal zustande: Bereits im ersten Jahr von Liberty Media in der Formel 1 waren diese operativen Kosten laut „Forbes“ um 12,4 Prozent auf 427 Millionen US-Dollar gestiegen. Zum anderen haben sich die Umsätze zwar positiv entwickelt, aber nicht in dem von Liberty erhofften Maße.

Im Geschäftsjahr 2018 erzielte Liberty mit der Formel 1 einen Gesamtumsatz von 1,827 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einer Steigerung von 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der größte Umsatzblock war dabei wie schon 2017 der Bereich Host-Gebühren für Rennen mit 617,5 Millionen US-Dollar – hier wurde ein Zuwachs von 1,5 Prozent gegenüber 2017 verzeichnet. Auch die Umsätze in den Segmenten Sonstiges und TV-Rechte konnte Liberty leicht steigern, während im Sponsoring ein Rückgang von 6,6 Millionen US-Dollar zu Buche stand.

Laut einem von Morgan Stanley errechneten Forecast hätte der Gesamtumsatz der Formel 1 im Geschäftsjahr 2018 allerdings noch viel deutlicher auf 2,023 Milliarden US-Dollar steigen sollen. Insbesondere im Bereich TV-Rechte war ein viel größeres Wachstum auf 785 Millionen US-Dollar erwartet worden. Liberty erklärte die Differenz von rund 180 Millionen US-Dollar vor allem mit einem unvorhersehbaren vorzeitigen Ende der Zusammenarbeit mit einem Rechtevermarkter. Kurzfristig hätte es Liberty nicht mehr geschafft, die entsprechenden Rechte in einigen Märkten zu für die Formel 1 besseren Konditionen zu veräußern.

Die Einnahmen der Formel 1

Bei den Host-Gebühren für Rennen blieb Liberty um 43,1 Millionen US-Dollar hinter den Morgan-Stanley-Berechnungen in Höhe von 660,6 Millionen US-Dollar zurück. Der Grund hierfür dürfte insbesondere der Wegfall des Grand Prix von Malaysia sein. Das Rennen in Kuala Lumpur stellte mit rund 45 Millionen US-Dollar einen der teuersten Strecken-Verträge in der Formel 1 dar.

Der Verlust von Malaysia konnte ganz offensichtlich nicht mit zusätzlichen Rennen in Deutschland und Frankreich kompensiert werden. Im Vergleich zur Saison 2017 wuchs die Zahl der Rennen zwar von 20 auf 21. Der Zuwachs um nur 9,2 Millionen US-Dollar bei den Host-Gebühren ist aber als eher gering zu bewerten, wenn man bedenkt, dass viele Strecken-Verträge Steigerungsraten der Rechtesummen um fünf Prozent pro Jahr beinhalten.

Fünf Strecken ohne Vertrag

Das Ziel von Liberty Media ist naturgemäß, die Haupteinnahmequelle Host-Gebühren weiter zu steigern beziehungsweise die bisherige Höhe mindestens zu halten. Diese Zielsetzung ruft bei den Streckenbetreibern – je nach Vertragslage – mitunter scharfe Kritik hervor. So hatte Stuart Pringle, der Geschäftsführer der Streckenbetreiber-Vereinigung Formula One Promoters Association (FOPA), Anfang 2019 stellvertretend Unmut über zu hohe Kosten für die Austragung von Formel-1-Rennen geäußert.

Die Betreiber der Rennstrecken sind allerdings in mindestens zwei Lager aufgeteilt. So sollen sich nicht alle 21 aktuellen Promoter der von FOPA-Geschäftsführer Pringle vorgetragenen Kritik angeschlossen haben. Medienberichten zufolge handelt es sich dabei um Abu Dhabi, Bahrain, Baku, Russland und Singapur – also dien Strecken, die tendenziell auch über mehr Budget verfügen, um sich in die Formel 1 einzukaufen. Auf der anderen Seite stehen die in Bezug auf die globale Ausweitung des Rennkalenders eher kritischen und zugleich weniger finanzstarken Traditionsrennstrecken – zum Beispiel aus Kerneuropa.

Dass zum jetzigen Zeitpunkt gerade die Traditionsrennstrecken einmal mehr kritische Töne anschlagen, ist wenig überraschend, laufen doch gleich fünf Strecken-Verträge nach der Saison 2019 aus, darunter die der traditionsreichen Standorte Deutschland (Hockenheim), England (Silverstone) und Italien (Monza). Es geht bei den fünf auslaufenden Strecken-Verträgen aus Formel-1-Sicht um Einnahmen von kumuliert mindestens 130 Millionen US-Dollar.

Immerhin steht mit Vietnam bereits ein Strecken-Neuling für den Rennkalender der Formel 1 im Jahr 2020 fest.

Die Formel-1-Strecken 2019

Über eine Milliarde Dollar Preisgeld

Die Höhe der Strecken-Gebühren ist auch für die Rennställe sehr relevant. Denn je höher die Einnahmen der Formel 1 sind, desto höher ist auch das an die Teams ausgeschüttete Preisgeld.

Zuletzt sank die an die zehn Rennställe ausgezahlte Summe schrittweise, von 940 Millionen US-Dollar (2016) über 919 Millionen US-Dollar (2017) auf 913 Millionen US-Dollar im Jahr 2018. Doch in der neuen Saison plant Liberty Media angeblich mit einem leichten Anstieg des Preisgelds auf etwas mehr als eine Milliarde US-Dollar. Laut dem britischen Medium „Race Fans“ wird der Rennstall Ferrari mit 205 Millionen US-Dollar wie schon 2018 anteilig den größten Betrag einstreichen. Damit lägen die Italiener sogar noch deutlich vor dem Weltmeister-Team Mercedes.

Der Verteilungsmechanismus des Preisgelds in der Formel 1 ist komplexer, als man im ersten Moment denken mag. Die Ausschüttungen erfolgen in etwa wie folgt:

  • Grundsätzlich gilt: Je besser die WM-Platzierung im Vorjahr war, desto größer wird der Anteil am Preisgeld. Demnach werden jedem Team, das in den letzten drei Jahren zweimal unter den Top 10 der Team-WM war, 35 Millionen US-Dollar ausbezahlt. Auf Basis der jeweils vorangegangenen Saison gibt es einen weiteren Zuschlag für die entsprechende WM-Platzierung.
  • Darüber hinaus gibt es diverse Bonuszahlungen und Sonderrechte, die sich am Einfluss eines Rennstalls sowie an dessen Dauer der Zugehörigkeit zur Formel 1 orientieren. Als sogenanntes „Long Standing Team“ kommt Ferrari besonders gut weg: Die Formel 1 überweist der „Scuderia“ jedes Jahr als einzigem Rennstall einen Bonus in Höhe von 73 Millionen US-Dollar.
  • Eine historisch bedingte Bonuszahlung in Höhe von zehn Millionen US-Dollar erhält beispielsweise auch ROKiT Williams Racing – und das, obwohl der Rennstall die Saison 2018 abgeschlagen auf dem letzten Platz beendete. Der Hintergrund: Das Williams-Team gehört mit 114 Grand-Prix-Siegen, sieben Fahrer- und neun Konstrukteursweltmeistertiteln zu den erfolgreichsten Konstrukteuren in der Geschichte der Formel 1. Speziell in den Neunzigerjahren war Williams das dominierende Team. Die Briten erhalten deshalb ein höheres Preisgeld als die 2018 sportlich besser platzierten Konkurrenten Alfa Romeo (ehemals Sauber F1 Team), Racing Point (Sahara Force India) und Toro Rosso.
  • Neben einem Historien-Bonus bekommen Ferrari, McLaren, Mercedes und Red Bull jeweils weitere Sonderzahlungen. Denn die vier Teams waren zum Zeitpunkt der letzten Vertragsverhandlung mit der Formel 1 die bestplatzierten Rennställe. Deshalb profitiert das Quartett vom sogenannten „Constructors Championship Bonus“. Dieser beläuft sich auf Höhen von 41 Millionen US-Dollar für Ferrari und Mercedes, 36 Millionen US-Dollar für Red Bull sowie 33 Millionen US-Dollar für McLaren.
Die Formel-1-Preisgelder 2019

Die aktuelle Verteilung des Preisgelds hat zur Folge, dass es kleinere Rennställe deutlich schwerer haben, finanziell und sportlich erfolgreich zu arbeiten. Und vertraglich bedingt werden bis mindestens einschließlich der Saison 2020 die ohnehin schon dominierenden Teams wie Ferrari bei den Preisgeldern bevorzugt. Für die Zeit danach erwägt Liberty Media jedoch eine Umverteilung der Preisgelder zugunsten der kleineren Rennställe. Denn dann läuft das von 2013 bis 2020 geltende „Concorde Agreement“ aus, ein damals noch von Ex-Promoter Bernie Ecclestone geschlossener Grundlagenvertrag zwischen der Formel-1-Gruppe und den Rennställen.

Liberty sieht in einer Umverteilung des Preisgelds eine Chance, in der Formel 1 die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen – und damit einen ausgeglichenen Wettbewerb zu schaffen. Würde die Formel 1 ihr Preisgeld gleichmäßig an die Teams verteilen, bekäme jeder Rennstall rund 100 Millionen US-Dollar. Das Problem dabei: Große Teams wie Ferrari haben bereits mehrfach mit einem Ausstieg aus der „Königsklasse“ gedroht, sollten die bisherigen Einnahmen aus der zentralen Vermarktung wegfallen.

Liberty Media und die „Vision 2021“

Durch das Auslaufen des bisherigen „Concorde Agreements“ könnte das Jahr 2021 im Allgemeinen so etwas wie der Wendepunkt für eine neue Formel-1-Ära werden. Bis dahin hat Liberty Media insgesamt vier Saisons Vorlaufzeit gehabt, um die Formel 1 strukturell aufzubrechen und neu zu positionieren. Die Hälfte dieser Zeit ist nun vor der Saison 2019 vergangen.

Die vergangenen zwei Jahre hat Liberty Media unter anderem genutzt, um eine Bestandsanalyse vorzunehmen. Darauf aufbauend präsentierten die US-Amerikaner den Teams im April 2018 mit der „Vision 2021“erste Reformideen als Diskussionsgrundlage.

Der für das Wirtschaften innerhalb der Formel 1 wichtigste Punkt der „Vision 2021“ ist eine geplante Budgetobergrenze für alle Rennställe. Demnach soll 2021 ein Kostenlimit bei 200 Millionen US-Dollar (etwa 172,4 Millionen Euro) eingeführt werden. Ein Stufenplan sieht in der Folge vor, dass das Budget pro Formel-1-Team im Jahr 2022 auf 175 Millionen US-Dollar (150,8 Millionen Euro) reduziert wird.

Mit der Einführung eines Budgetlimits soll ein einheitlicher finanzieller Rahmen in der Formel 1 geschaffen werden. Damit würde ein schon seit Jahren bestehender Wunsch der kleineren Teams in die Tat umgesetzt, die sich dadurch vor allem eine bessere Kostenkontrolle sowie eine Reduzierung der sportlichen Dominanz der größeren Rennställe erhoffen.

Medienrechte-Verträge: 70 Prozent Pay-TV als Ziel

Neben Anpassungen in der finanziellen Struktur will Liberty auch in der Vermarktung der Formel 1 einiges verändern. So planen die US-Amerikaner beispielsweise, den Pay-TV-Markt weiter zu erschließen. CEO Chase Carey peilt bei der Vergabe der Medienrechte an, dass mittelfristig 70 Prozent der Rechte bei Pay-Anbietern liegen werden.

Nachdem in Deutschland Sky und die Formel 1 zur Saison 2018 keine Vereinbarung geschlossen hatten, sicherte sich der Pay-Anbieter jüngst die Übertragungsrechte der Formel 1 für die Saisons 2019 und 2020. Damit zeigt Sky nach einer einjährigen Pause wieder alle Trainings, Qualifyings und Rennen der „Königsklasse“. Auch RTL wird weiterhin an allen Rennwochenenden übertragen. Der Vertrag zwischen der Formel 1 und dem Free-TV-Sender läuft ebenfalls noch bis zum Ende der Saison 2020. Wer in welchem Umfang ab 2021 die Formel 1 zeigen wird, bleibt abzuwarten.

Neben Live-Übertragungen entsteht zur neuen Saison zusätzlicher Formel-1-Content dank einer Partnerschaft mit Netflix, die im März 2018 bekannt gegeben wurde. So fanden während der Saison 2018 im Rahmen der Partnerschaft die Aufnahme und die Produktion einer Serie über die „Königsklasse“ statt. In dieser werden Szenen aus den Cockpits der Autos und Momente neben der Strecke gezeigt. Anfang März wurde die erste Folge der Serie, die den Namen „Drive to Survive“ trägt, exklusiv auf Netflix ausgestrahlt. Insgesamt wird die Serie zehn Folgen umfassen.

Factsheet Formel 1

Concorde-Agreement: Liberty unter Zeitdruck

Von Reformplänen zur Geldverteilung bis zu Veränderungen in der Struktur der Medienrechte: 2019, das Jahr des 70. Geburtstags und des 1000. Rennens, ist für die Formel 1 letztlich eine weitere Übergangssaison. Eine Übergangssaison, in der der Besitzer Liberty Media seine durchaus guten Ansätze und Ideen zu konkreten Plänen ausarbeiten muss. Es geht dabei um nichts Geringeres als die Entwicklung einer Basis für die Zukunft einer neuen Formel 1 ab 2021.

Wie viel Brisanz in den grundlegenden Strukturfragen steckt, bekommt Liberty Media regelmäßig von einzelnen Teilnehmern der „Königsklasse“ zu spüren. Insofern sind auch die ständigen kritischen, zum Teil politisch motivierten Äußerungen der Teams oder der Streckenbetreiber erklärbar. Alle Teilnehmer des Milliarden-Geschäfts Formel 1 wollen perspektivisch wirtschaftlich bestmöglich an der „Königsklasse“ partizipieren.

Liberty Media muss darüber hinaus seine Shareholder zufriedenstellen. Zur Erinnerung: Nachdem Liberty Media im September 2016 zunächst 18,7 Prozent der Anteile von CVC Capital Partners für 1,1 Milliarden US-Dollar übernommen hatte, erfolgte im Januar 2017 die vollständige Übernahme zum Kaufpreis von 4,4 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich wurden seitens Liberty Media bestehende Verbindlichkeiten in Höhe von 4,1 Milliarden US-Dollar übernommen. Liberty muss also eine Gesamtinvestition von acht Milliarden US-Dollar rechtfertigen.

Formel-1-CEO Chase Carey weiß um die Bedeutung des Reformprozesses in der Formel 1. „Die Gespräche mit den Teams laufen. Und im neuen Concorde-Abkommen wird das alles geregelt – Kostenstruktur, Geldverteilung, Reglement. Die Verhandlungen sind konstruktiv. Wir nehmen uns für die Gespräche die angemessene Zeit. Wir wollen das richtigmachen“, sagte er Anfang März in einer Telefonkonferenz.

Sehr viel Zeit bleibt Liberty Media aber in einigen Bereichen nicht mehr. Im FIA-Sportkodex ist beispielsweise die Deadline für die Einführung neuer Regeln auf Juni 2019 datiert. Ohnehin müssten sämtliche Regeländerungen vor deren Einführung nicht nur zwischen den Teams und dem Besitzer Liberty Media klar verhandelt sein; sie bedürfen im Anschluss auch einer Freigabe vom Automobil-Weltverband.

Die bisherige schützende Haltung von FIA-Präsident Jean Todt kann für Chase Carey und Liberty Media also noch sehr wertvoll sein. Dennoch stellt sich angesichts des Reformprozesses die Frage: Wie lange können sich die Formel-1-Teams noch gedulden?

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