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DLV-Präsident Kessing: „Der Sport braucht eine kräftigere Stimme in Berlin“

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) zählt mit rund 800 000 Mitgliedern zu den größten Sportfachverbänden in Deutschland. Im Gespräch mit SPONSORs analysiert DLV-Präsident Jürgen Kessing die Auswirkungen der Corona-Krise auf die über 7500 Vereine und fordert ein größeres Gewicht bei der Politik. Zum Neustart der Fußball-Bundesliga äußert er sich skeptisch. 

Die Gespräche mit der Politik innerhalb der Corona-Krise bezeichnet Kessing in der aktuellen Zeit als „sehr offen und wohltuend“. Der DLV-Präsident, der als Kommunalpolitiker der SPD seit 2004 Bürgermeister von Bietigheim-Bissingen in Baden-Württemberg ist, ist sich sicher, dass vom Bundesinnenministerium über die Länder bis zur Kommunalebene die Probleme des Sports erkannt worden.  

Kessing wünscht sich künftig allerdings eine noch stärkere nationale Wahrnehmung des Sports. Der Sport brauche „eine stärkere Stimme“ in Berlin, meint der DLV-Präsident. Mit DOSB-Präsident Alfons Hörmann oder Dagmar Freitag, der Vorsitzenden des Sportausschusses, gibt es zwar schon einige Personen, die sich auf politischer Ebene stark für den Sport einsetzten. Der Sport müsse sich aber noch besser aufstellen: „Eine exzellente Lobby scheint der Wirtschaftsbetrieb Fußball zu haben, der restliche Sport deutlich weniger.“ 

Mit rund 800 000 Mitgliedern ist der DLV der mitgliederstärkste Leichtathletik-Verband der Welt. Alle 7500 Vereine, die unter dem Dach des DLV vereint sind, hat die Krise hart getroffen. Laut Kessing wird man erst am Ende des Jahres abschätzen können, wie groß der wirtschaftliche Schaden ist. Dabei geht es „um sehr viele Kleinbeträge.“ Um den DLV selbst macht sich Kessing aktuell keine Sorgen: „Wir kommen in diesem Jahr gut über die Runden.“ Sollte die Corona-Krise auch noch ins Jahr 2021 starke Auswirkungen habe, müsste die Situation neu betrachtet werden. 

Über die Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 wurde medial viel und laut diskutiert. Deutlich weniger Medien berichteten darüber, dass in den vergangenen Wochen viele hundert große und kleine Leichtathletik-Events in Deutschland abgesagt wurden. Zumindest die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, die ursprünglich am 6. und 7. Juni stattfinden sollten, könnten laut DLV-Präsident Kessing an einem Termin in der zweiten Jahreshälfte nachgeholt werden. 

Zum Neustart der Bundesliga vertritt Kessing eine klare Meinung. „Es kommt zu früh“, meint er. In seiner Rolle als Bürgermeister fällt es ihm schwer, Kindern zu erklären, warum diese aktuell nicht Fußball spielen dürften, während der Spielbetrieb in der Bundesliga wieder aufgenommen werden soll. Darüber hinaus sieht der DLV-Präsident mit dem Start der Bundesliga auch ein falsches Signal für die Gesellschaft: „Warum soll ich selbst noch Abstand zu anderen Menschen halten, wenn wieder Fußball gespielt werden kann?“ Obwohl großer Fußball-Fan wird sich Kessing die Geisterspiele am kommenden Wochenende daher nicht anschauen: „Ich bin da mehr als zerrissen.“