Mintzlaff: "Haben zweifelsohne Nachholbedarf"
22.06.2016
Fußball | RB Leipzig

Mintzlaff: "Haben zweifelsohne Nachholbedarf"

Nach dem Bundesliga-Aufstieg will RB Leipzig seine Sponsoringvermarktung massiv ausbauen. Im Interview erläutert der Vorstandsvorsitzende Oliver Mintzlaff die Pläne des Clubs und spricht auch über die Stadionzukunft.

SPONSORs: Herr Mintzlaff, Sie haben zu Jahresbeginn bei RB Leipzig in der Sponsorenvermarktung „Bequemlichkeit“ bemängelt. Anfang Februar wurde dann der frühere Sponsoringleiter der Krombacher-Brauerei, Michael Drotleff (42), für den Sales-Bereich verpflichtet. Wie weit sind Sie mit Ihrem neuen Vermarktungskonzept?

Mintzlaff: Wir haben im Commercial-Bereich und auf der Geschäftsstelle mit der durchaus rasanten sportlichen Entwicklung der vergangenen Jahre verständlicherweise nicht komplett mithalten können, da haben wir zweifelsohne Nachholbedarf. Es ist aber auch – trotz aller Visionen – mit viel mehr Kraft verbunden, einen Dritt- oder Viertligisten zu vermarkten als einen Bundesligisten. Aber die Kapitalisierung dieses Potenzials und dieser Ressourcen ist nun eines unserer Kernziele.

SPONSORs: Bisher hatte man fast das Gefühl, dass neben dem omnipräsenten Red Bull kaum weitere Partner integriert werden sollen.

Mintzlaff: Das stimmt so nicht. Sicher ist aber, dass wir noch ausreichend Platz und viele Möglichkeiten in der Vermarktung haben.

SPONSORs: Aktuell führt der Club mit Nike, Tipico, Ur-Krostitzer und Volkswagen nur vier Sponsoren. Wie viele werden es zu Saisonbeginn sein?

Mintzlaff: Da möchte ich mich jetzt nicht auf eine konkrete Zahl festlegen. Fakt ist: Auch bei uns wird es weitere starke Partner geben. Grundsätzlich werden wir in der Vermarktung das Rad nicht neu erfinden. Aber natürlich müssen und sollen die neuen Sponsoren optimal zu uns und unserer Philosophie passen.

SPONSORs: Was meinen Sie damit konkret?

Mintzlaff: Wir wollen schauen, welche Mehrwerte potenzielle Partner mitbringen. Klassische „Media-Einbucher“, die eher in geringerem Maße aktivieren, sind für uns daher weniger attraktiv. Wir möchten Kooperationspartner wie Porsche, die sich mit uns beispielsweise für den Nachwuchs einsetzen. Gerade wenn man Inhalte transportieren kann, hat eine Partnerschaft ja auch viel mehr Tragweite und Substanz.

SPONSORs: Solche Partner will sicherlich jeder Club haben. Es scheint aber relativ wenige davon im Markt zu geben und viel mehr von der Sorte, die auf TKP-Basis Reichweite einkaufen wollen.

Mintzlaff: Selbstverständlich kann man  das auf diese intensive Weise auch nicht mit jedem umsetzen, das ist nicht zu stemmen. Von den Premium-Partnern erwarte ich aber schon, dass die Zusammenarbeit inhaltlich getrieben ist und entsprechend gelebt wird.

 

Zur Person

Oliver Mintzlaff

Oliver Mintzlaff (40, Foto links) ist seit Anfang 2016 kommissarischer Geschäftsführer des Bundesliga-Aufsteigers RB Leipzig. Aktuell ist unklar, wie lange er den Posten ausfüllen wird. Außerdem ist Mintzlaff seit Januar 2014 „Head of Global Soccer“ bei Red Bull und koordiniert damit sämtliche Fußball-Aktivitäten des Konzerns. Vor seiner Zeit bei Red Bull arbeitete er zwischen 2000 und 2008 beim Sportartikelhersteller Puma und war dort zuletzt im Sportmarketing tätig. Anschließend war Mintzlaff bis zu seinem Wechsel zu Red Bull Geschäftsführer von Ferber Marketing.

SPONSORs: Wie viele Premium-Partner sollen denn zu Nike, Tipico, Ur-Krostitzer und VW noch hinzukommen?

Mintzlaff: Wir sprechen konkret mit drei großen Unternehmen.

SPONSORs: Nun müssen Sie potenziellen Sponsoren auch relevante Werbeflächen zur Verfügung stellen, um die Erlöse zu steigern. Ist es in absehbarer Zeit vorstellbar, dass Red Bull die Trikotbrust freiräumt?

Mintzlaff: Red Bull hat sich klar und langfristig committet, sodass es in diese Richtung zunächst keine Überlegungen gibt. Allerdings ist dahingehend für die Zukunft auch nichts ausgeschlossen.

SPONSORs: Wie schaut es mit der Werbefläche auf dem Trikotärmel aus, die ab der Saison 2017/18 in die Eigenvermarktung geht? Werden Sie diese an ein externes Unternehmen verkaufen?

Mintzlaff: Ja, die Fläche auf den Trikotärmeln werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit an einen Partner verkaufen.

SPONSORs: Auch auf Ihrer Homepage tauchen die Partner bisher kaum auf. Wie stellen Sie sich die Digitalvermarktung in Zukunft vor?

Mintzlaff: Die Homepage wird gerade überarbeitet, sie bietet speziell in puncto Handling und Bedienerfreundlichkeit Optimierungsbedarf. Mit diesem Thema  beschäftigt sich gerade eine Arbeitsgruppe. Im Digitalbereich wollen wir den Fan sicherlich nicht mit Werbung überschütten oder überfahren,  er soll nicht das Gefühl haben, dass er komplett kapitalisiert wird.  Oftmals ist ja der Mittelweg der richtige: Wir werden sicherlich nicht die Aggressivsten in der Vermarktung sein, aber auch nicht so konservativ bleiben, wie wir aktuell sind.

img
Enlarge Image

SPONSORs: Zu einer besseren Vermarktung könnte auch eine LED-Bande beitragen. Zuletzt hatten Sie noch ein statisches System.

Mintzlaff: Wir haben schon vor über einem Jahr beschlossen, dass wir nun auf LED-Bande umstellen. Gerade im Aufstiegsfall war dies zudem schon Bestandteil einiger Sponsorenverträge.

SPONSORs: Befürchten Sie grundsätzlich nicht, dass Unternehmen durch die Omnipräsenz der Marke Red Bull abgeschreckt werden? Gerade, wenn man nicht wie aktuell vier, sondern später vielleicht 20 Partner hat?

Mintzlaff: Zum einen gibt es zwischen vier und 20 auch einen Mittelweg. Zum anderen ist Red Bull solch eine starke Marke und bietet im B2B-Bereich so viel Potenzial für Synergien, dass es eher eine sehr gute Basis für ein Sponsorship ist. Oder lassen Sie es mich so ausdrücken: Unsere enge Partnerschaft mit Red Bull ist sogar ein Vorteil in Vertragsgesprächen.

SPONSORs:: Red Bull gilt stets als äußert ambitioniert. Was wollen Sie mittelfristig mit Sponsoring erlösen?

Mintzlaff: Wir nennen grundsätzlich keine Zahlen. Nach wie vor betone ich nochmals, dass wir ein noch junger Verein sind. Aber im Bundesliga-Ranking wollen wir uns mittelfristig schon im klaren Bereich der oberen Hälfte einpendeln.

SPONSORs: Das ist in etwa der Bereich von Borussia Mönchengladbach, das 2015 mit Werbung gut 31 Millionen Euro erzielt hat. Davon dürften Sie aktuell sehr weit entfernt sein.

Mintzlaff: Natürlich haben wir ambitionierte Ziele. Aber schauen Sie sich einmal die Fußballlandkarte an, wir haben einen weißen Fleck besetzt, der sicherlich viel Potenzial hat. Allein der Dauerkartenverkauf  von  15 000 Stück in den ersten Wochen nach Verkaufsstart ist ein Indikator für die vielfältigen Möglichkeiten und die Attraktivität, die der Standort mitbringt. Wir werden vermutlich bei vielen Spielen nahezu ausverkauft sein.

SPONSORs: Bei den Spieltagserlösen kann man sich eine starke Steigerung gut vorstellen. Aber in der Sponsoringvermarktung hatte man, gerade auch bei Ihren Konkurrenten, eher das Gefühl, dass es in Ostdeutschland an budgetstarken Unternehmen fehlt.

Mintzlaff: Wir glauben schon, dass ein Umdenken stattgefunden hat, denn die Leute spüren, dass es hier ein sehr nachhaltiges Engagement gibt. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den Verkaufszahlen im Hospitality-Bereich. Mit 10 000 Euro pro Platz im Logenbereich sind wir vermutlich in den Top fünf in der Bundesliga. Und wir planen derzeit mit einer Auslastung von 90 Prozent.

Info

RB Leipzig

Gegründet: 2009
Rechtsform: RasenBallsport Leipzig GmbH
Geschäftsführer: Oliver Mintzlaff

Stadion
Name: Red Bull Arena
Eigentümer: Michael Kölmel
Kapazität: 42 959 Plätze

Sponsoring
Hauptsponsor: Red Bull
Weitere Sponsoren: Nike, Tipico, Ur-Krostitzer, Volkswagen

SPONSORs: Können Sie die hohe Zuschauernachfrage auch schon im Merchandising entsprechend monetarisieren?

Mintzlaff: Nein, dort haben wir noch deutlich Luft nach oben. Das liegt auch daran, dass wir noch nicht ausreichend Artikel im Produktangebot haben, diesen Prozess optimieren wir gerade. Zudem wird derzeit auch der Onlineshop neu gestaltet.

SPONSORs: Lassen Sie uns mal einen etwas allgemeineren Blick werfen. Mittelfristig will RB Leipzig ja sicherlich international spielen. Clubs, die aktuell im oberen Tabellendrittel mitmischen, haben Erlöse von mindestens 150 Millionen Euro. Wie wollen Sie diese – unter den Bedingungen des Financial Fair Plays – generieren?

Mintzlaff: Damit beschäftigen wir uns aktuell nicht. Auch bei uns führt der Weg nach oben übers Treppenhaus und nicht über den Aufzug, wir machen einen Schritt nach dem anderen. Wir wollen uns erst mal ohne Abstiegsnot in der Liga etablieren. Nochmal: Die Bundesliga ist Neuland für uns.

SPONSORs: Aber ist nicht perspektivisch zu befürchten, dass Ihnen das Financial Fair Play Probleme bereiten wird? Demnach darf ein Eigentümer maximal 30 Millionen Euro pro Jahr zusteuern, um den Haushalt ausgeglichen zu gestalten.

Mintzlaff: Die FFP-Regularien sind sehr komplex und nicht in zwei Sätzen zu behandeln. Wir wissen damit umzugehen und werden uns selbstverständlich an diese Regeln halten.

SPONSORs: Ist das wirklich so einfach zu sagen?

Mintzlaff: FFP ist ein wichtiger und notwendiger Bestandteil der UEFA. Wir wissen, was wir zu tun haben. Nur: Dass wir als insgesamt sieben Jahre alter Verein in einigen Punkten Nachholbedarf haben und nicht zu 100 Prozent „ausvermarktet“ sind, ist doch  nachvollziehbar. Im Übrigen schaffen wir mit unserer Nachwuchsarbeit und unserer Transferstrategie ja auch Werte, das wird mittelfristig eine wichtige Kennzahl sein.
 

"Mit 1280 VIP-Karten sind wir limitiert. Wir könnten deutlich mehr Logen verkaufen"

Oliver Mintzlaff, Geschäftsführer RB Leipzig

SPONSORs: Zur weiteren Professionalisierung des Clubs soll auch ein neuer Geschäftsführer beitragen, der Sie – so der letzte Stand – in Ihrer Interimsfunktion eigentlich schon zum 1. Juni ersetzen sollte.

Mintzlaff: Wir führen weiterhin Gespräche, aber momentan haben wir die richtige Kandidatin oder den richtigen Kandidaten noch nicht gefunden. Deshalb werde ich die Rolle zunächst einmal weiter ausfüllen.

SPONSORs: Lassen Sie uns abschließend noch über das Thema Stadionzukunft sprechen, was bei Ihnen ein Dauerthema ist. Sie haben schon mehrfach geäußert, dass Ihnen an der Red-Bull-Arena einige Dinge grundsätzlich missfallen. Was meinen Sie konkret?

Mintzlaff: Mit 1280 VIP-Karten sind wir natürlich in der Vermarktung limitiert, wir könnten deutlich mehr Logen verkaufen. Dazu kommen viele technische Dinge, die nicht praktisch sind, beispielsweise müssen Lieferanten durch die VIP-Bereiche anliefern, weil es an Fahrstühlen und Zugängen fehlt. Die technische Infrastruktur, zum Beispiel die der Kioske, ist ebenfalls nicht up to date. Dazu kommen die fehlenden Parkmöglichkeiten, was bei einem möglichen Ausbau auf 57 000 Plätze noch komplizierter werden würde. Die Stadt kann uns derzeit auch keinen Parkplatz für Gästefans anbieten. Hinzu kommt, dass wir Mieter sind und nicht Eigentümer. Grundsätzlich investiert man ja ungern in fremdes Eigentum. Deswegen überlegen wir aktuell, eine eigene Arena zu bauen. Ohne alle Fakten auf dem Tisch zu haben, gibt es aber momentan eine leichte Tendenz zu einem Neubau.

SPONSORs: Jüngst wurde über eine 300-Millionen-Euro-Arena für 70 000 Zuschauer berichtet.

Mintzlaff: Die genannte Summe kommt nicht von uns, über konkrete Kosten können wir aktuell gar nicht sprechen.  Grundsätzlich stehen natürlich noch viele Gespräche aus, unter anderem mit der Stadt Leipzig über eine mögliche Fläche, die benötigte infrastrukturelle Erschließung und die ÖPNV-Anbindung. Darüber hinaus arbeitet ein beauftragtes Architekturbüro an ersten Entwürfen.

SPONSORs: Zumal eine ganz kurzfristige Lösung ja gar nicht ansteht. Ihr aktueller Mietvertrag läuft noch bis 2020. Manchmal wird ein so ein Neubau-Thema von Clubs ja auch gern forciert oder platziert, um schlicht bessere Mietkonditionen zu verhandeln.

Mintzlaff: Der aktuelle Mietvertrag ist für Herrn Kölmel sicherlich gut und für uns eher ambitioniert. Aber nun mit ein paar Interviews eine Mietreduzierung um 15 Prozent herauszuverhandeln ist nicht unsere Art, Geschäfte zu machen.

SPONSORs: Aber schließt sich ein Arenawechsel nicht allein dadurch aus, dass Red Bull an der aktuellen Spielstätte noch die Namensrechte bis 2040 hält? Ergibt es Sinn, das Recht zu bezahlen, – den Club aber woanders spielen zu lassen?

Mintzlaff: Die Rechte sind zwar gesichert, aber nicht fix erworben. Red Bull könnte in diesem Punkt auch früher aussteigen. Ähnlich verhält es sich mit dem Mietvertrag, den wir immer weiter entsprechend verlängern könnten.

SPONSORs: Herr Mintzlaff, vielen Dank für das Gespräch.

22.06.2016
Nils Lehnebach
 Der Autor 

Nils Lehnebach