eSport und Fußball: Voneinander lernen
14.07.2017
Fußball | Bundesliga

eSport und Fußball: Voneinander lernen

Der eSport polarisiert in weiten Teilen des Profisports – auch im Fußball. Dabei können die beiden Welten für ihr künftiges Geschäft einiges voneinander lernen – und von dem Wissen sowie den Erfahrungen des anderen sogar profitieren.

eSport boomt rund um den Globus. Firmen investieren weltweit immer mehr Geld in den Markt, die On- und Offline-Zuschauerzahlen steigen von Event zu Event. Auch europäische Fußballclubs engagieren sich immer mehr im eSport. In Deutschland sind der FC Schalke 04 (FIFA, Pro Evolution Soccer, League of Legends) und der VfL Wolfsburg mit seinen FIFA-Spielern Vorreiter in diesem Bereich. Über ein Drittel der übrigen Bundesligisten analysiert und prüft derzeit einen möglichen Einstieg in den eSport.

Dass sich Fußballclubs mit dem Boomthema eSport auseinandersetzen, ist kein nationales Phänomen. Europäische Vereine wie Ajax Amsterdam, Manchester City oder Paris Saint-Germain lassen eigene eSport-Profis der Fußballsimulationsspiele FIFA oder Pro Evolution Soccer in ihren Vereinsfarben für sich auflaufen. Hinzu kommen erste Proficlubs aus Japan (Tokyo Verdy) oder den USA (New York City FC). In Frankreich, den Niederlanden und Portugal wurden jüngst sogar eigene „eLigen“ mit den Clubs der ersten Division verkündet.

Egal ob die Fußballsimulation FIFA, Echtzeit-Strategiespiele wie League of Legends und Dota2 oder auch der seit Jahren umstrittene First-Person-Shooter Counter-Strike: Die Parallelen zwischen Pro Gaming und professionellem Fußball sind offensichtlich. Ob nun in der Vermarktung, in der Spielerbetreuung oder in der Talentförderung: Im Profifußball und im eSport können ähnliche Wege zum Erfolg führen. Und auch wenn manchem traditionell orientierten Fußballfan und -entscheider die Haare zu Berge stehen mögen, ist eine Tatsache nicht von der Hand zu weisen: Profifußball und eSport können sich gut ergänzen und zudem viel voneinander lernen.

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Proficlubs im eSport

Weltweit haben derzeit 60 professionelle Sportclubs eSportler unter Vertrag*:
• 55 Fußballclubs
• 4 Basketballclubs
• 2 Eishockeyclubs

Davon kommen …
• … 54 Clubs aus Europa
• … 4 Clubs aus den USA
• … 2 Clubs aus Südamerika

Elf Sportclubs sind in mehr als einem Spiel aktiv, 49 Clubs setzen bisher nur auf ein Spiel. Am häufigsten engagieren sich Sportclubs in den folgenden Spielen:
• FIFA (47 Clubs)
• League of Legends (14 Clubs)
• Counter-Strike (7 Clubs)

* Der schwedische Club Hammarby IF ist sowohl ein Fußball- als auch ein Eishockeyclub.

Quellen: Result Sports, SPONSORs

Was kann der eSport vom Profifußball lernen?

Trotz des Booms von eSport und Gaming hält die Geschwindigkeit der Professionalisierung im eSport derzeit mit dem finanziellen Aufstieg noch nicht Schritt. Vergleicht man eSport mit dem Profifußball wird in vielerlei Hinsicht Nachholbedarf sichtbar. Insbesondere in den folgenden fünf Bereichen kann der eSport vom Profifußball lernen:

  1. Marketing / Sponsoring: Professionelles Marketing, die Distribution von Merchandising und die Gewinnung und Pflege von Sponsoren gehört für Fußballclubs seit Jahrzehnten zum „Brot und Butter“-Geschäft. eSport-Clans und ihre Teams haben in diesen Bereichen weniger Erfahrung. Hier sind die Lerneffekte aus dem Profifußball enorm.
  2. Transfersystem: Im Fußball sind zweistellige Millionenbeträge als Ablösesummen bereits für junge Talente mittlerweile üblich. Im eSport hingegen sind Ablösen immer noch eher Ausnahme als Regel. Bis vor Kurzem wurden Spielerwechsel häufig noch per Handschlag besiegelt. Absehbar ist jedoch, dass eine Entwicklung hin zu einem vergleichbaren Transfermarkt unaufhaltsam ist.
  3. Scouting: Professionelles Scouting wird im eSport derzeit de facto noch nicht betrieben. Teammanager schauen sich in erster Linie spielspezifische Ranglisten an, um zu identifizieren, wer die besten aktiven Spieler sind. Das Problem: Ein Softwareupdate allein kann die gesamte Rangliste durcheinanderwirbeln. Die Folge sind kurze Vertragslaufzeiten und eine hohe Fluktuation innerhalb der eSport-Teams.
  4. Talententwicklung: Die Profikarriere eines eSportlers beginnt bereits als Teenager und ist spätestens mit Mitte Zwanzig beendet. Die Grundlagen für eine erfolgreiche Karriere als Gamer werden damit schon in der Kindheit gelegt. Es bleibt nur wenig Zeit, um sich an die Spitze zu spielen – und einen professionellen Lebensstil zu verinnerlichen. Während heutigen Profifußballern dieses Verhalten schon in der Pubertät in Internaten oder Leistungszentren eingeimpft wird, sitzen eSportler häufig noch zu Hause im Kinderzimmer und zocken.
  5. Trainingslehre: Eine mit dem Fußball vergleichbare einheitliche Trainingslehre ist im eSport (noch) nicht existent. Die meisten eSportler sind Autodidakten, haben keine systematische sportliche Ausbildung genossen. Während im Fußball sehr gezielt Technik, Taktik, Fitness, Kondition oder auch psychische Stärke trainiert werden, ist das im eSport derzeit kaum systematisch möglich. Klar, dass hier Aufholbedarf besteht.
Zu Gast beim eSport-Team des VfL Wolfsburg

Was können Fußballclubs vom eSport lernen?

Inwieweit eSportler und deren Teams von der Zusammenarbeit mit Fußballclubs profitieren können, ist offensichtlich. Aber was können sich Fußballbundesligisten von einem Engagement im virtuellen Sport erhoffen?

Um den Zusammenhang verständlicher  darzustellen, muss an dieser Stelle etwas weiter ausgeholt werden. Augenscheinlich bietet der eSport Fußballclubs neue Möglichkeiten zur digitalen Vermarktung und zur Internationalisierung der Marke. Doch was ursprünglich lediglich als Marketingmaßnahme oder alternative Erlösquelle gedacht war, bringt weitere positive Nebeneffekte mit sich, die erst bei genauerem Hinsehen sichtbar werden. Dies gilt insbesondere für den Bereich der digitalen Transformation, die in den meisten Fällen einen Kulturwandel in Profisportorganisationen erforderlich macht. Und genau hierbei kann ein Engagement im eSport einen Beitrag leisten.

Schon die Ergebnisse der SPOAC Sportbusiness-Studie 2017 haben gezeigt, dass die Digitalisierung eines der wichtigsten Themen in den Chefetagen der Sportbusiness-Branche ist. An der Umsetzung hapert es aber noch deutlich. Um sie schneller vorantreiben zu können, ist die Etablierung einer Innovationskultur, einer Kultur des ständigen Wandels innerhalb des Unternehmens, notwendig.

Wo viele Proficlubs heutzutage mit der Digitalisierung ihres Geschäfts Probleme haben und teilweise noch recht analog denken, kann eine eigene eSport-Einheit zum Umdenken anregen. Denn im Grunde genommen handelt es sich um eine digitale Geschäftseinheit. Das ist den wenigsten aber wirklich bewusst. Wer ein eSport-Geschäft aufbaut, der kommt nicht umhin, sich mit neuen Technologien, mit neuen Konsumentenprofilen sowie mit neuen Kommunikationskanälen und -formaten auseinanderzusetzen. Die Integration einer eSport-Einheit stellt die bestehende Organisation sicher vor neue Herausforderungen, gleichzeitig birgt sie aber auch enorme Chancen als Digitalisierungstreiber.

Laut einer aktuellen Studie zählt der FC Schalke 04 zu den Top 3 der Bundesliga-Clubs, wenn es um die digitale Fan-Ansprache geht. Unter anderem die Bereitschaft für neue Wege – wie zum Beispiel im Geschäftsfeld eSport – zähle zu „unseren Erfolgsfaktoren in der Digitalisierung“, bewertet der Schalker Club-Marketingvorstand Alexander Jobst das Ergebnis. Für den FC Schalke 04 ist eSport also definitiv ein Digitalisierungstreiber.

eSport beim FC Schalke 04

Vorteil im „Krieg um Talente“

Eine eigene eSport-Abteilung, wie sie etwa der FC Schalke 04 aufgebaut hat, kann Fußballclubs darüber hinaus auch im „Krieg um Talente“ einen entscheidenden Vorteil bringen. eSportler gehören zur Generation der „Digital Millennials“ beziehungsweise. zur „Generation Y“, also den jungen Menschen, die entweder zwischen 1980 und 2000 oder sogar noch später geboren wurden und nun auf den Arbeitsmarkt drängen. Auch hier haben die Ergebnisse der SPOAC Sportbusiness-Studie 2017 gezeigt, dass in den Chefetagen des Sportbusiness deutlicher Nachholbedarf besteht, wenn es darum geht, die Bedürfnisse dieser Generation zu verstehen.

Im Kampf um digitale Talente konkurrieren Fußballclubs nun aber nicht nur untereinander, sondern auch mit Digitalunternehmen wie Google, Amazon oder Apple. Für Fußballclubs kann ein eSport-Team somit entscheidend sein, um diese Generationen besser zu verstehen und so die Nase gegenüber den Mitbewerbern vorn zu haben.

Fazit: Nicht nur der eSport kann vom Profifußball in puncto Professionalität lernen, sondern auch Fußballclubs kann der Einstieg in den eSport helfen, den digitalen Wandel zu meistern und bei „Digital Millennials“ zu punkten.

Der Autor

Prof. Dr. Sascha L. Schmidt

Sascha L. Schmidt ist Seniorprofessor, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Center for Sports and Management der WHU – Otto Beisheim School of Management sowie Akademischer Leiter der SPOAC – Sports Business Academy by WHU.

Weitere Einblicke von Proficlubs zum Thema eSport bekommen Sie beim SPOBIS Gaming & Media unter anderem von folgenden Speakern:

  • Carsten Cramer, Direktor Vertrieb & Marketing, Borussia Dortmund
  • Alexander Jobst, Vorstand Marketing, FC Schalke 04
  • Felix Welling, Leiter Unternehmensentwicklung, VfL Wolfsburg

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14.07.2017
 Der Autor 

Prof. Dr. Sascha L. Schmidt