Action & Extreme Sport: Training in der Cloud
30.01.2018
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Venue & Event | Action & Extreme Sport

Action & Extreme Sport: Training in der Cloud

Immer mehr Menschen betreiben Individualsport, gern extrem und abenteuerlich. Durch Apps und Tracking-Software entsteht dabei in Social Sport Networks eine riesige Daten-Cloud. Im ersten Teil gibt SPONSORs einen Überblick über die wichtigsten Anbieter und Geschäftsmodelle.

Profi- und Freizeitsportler tragen sie gleichermaßen an Helmen, Lenkern oder Skiern, sie werfen sich mit ihr von Felsen, kriechen durch den Schlamm oder fliegen durch die Lüfte: Mit der GoPro, der Actionkamera des gleichnamigen US-amerikanischen Unternehmens, wurde der gesamten Sportartikelbranche ein echtes Wachstumsthema beschert. Mit der Kamera lässt sich der Wunsch der Menschen erfüllen, sich selbst darzustellen und mitzuteilen, also praktisch sich selbst zu filmen und die gesammelten Erlebnisse über das Netz zu teilen.

Mit geschickten Marketingstrategien gibt GoPro heute auch Familienvätern das Gefühl, dass sie als Outdoor-Athlet durch die Stadt radeln, wenn sie eine Kamera am Lenker tragen. Aber besonders bei der jungen Zielgruppe ist die Actionkamera beliebt: Laut der aktuellen JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes zum Medienkonsum der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland interessieren sich elf Prozent der Befragten sehr für Extremsportvideos, bei den Jungen sind es in diesem Alter sogar 17 Prozent.

Serie

Die Zukunft des Sports

In den kommenden Wochen beschäftigt sich SPONSORs in einer Serie mit der „Zukunft des Sports“. Das Thema wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Heute thematisieren wir „Action & Extreme Sport“. Mit dem Munich Mash im Münchner Olympiapark blicken wir auf ein konkretes Beispiel aus dem Bereich Extreme Sport.

Inzwischen führen viele renommierte Technikhersteller wie Sony, Panasonic und HTC oder auch Sportausrüster wie Garmin und Shimano Actionkameras im Sortiment. Die tragbaren Begleiter halten nicht nur Stürze, Minusgrade und Wasser aus, sondern lassen sich auch anschnallen und produzieren auch unter extremen Bedingungen stabile Bilder. Für 2018 prognostizieren Marktstudien einen weltweiten Umsatz mit Actionkameras von 2,28 Milliarden US-Dollar (siehe Grafik unten). Die Verkaufszahlen sollen im laufenden erstmals die Grenze von zehn Millionen übersteigen.

Umsatz mit Action Cameras in Deutschland von 2011 bis 2016 (Quelle: Statista)
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Umsatz mit Action Cameras in Deutschland von 2011 bis 2016 (Quelle: Statista)

440 Millionen Nutzer weltweit

Der Boom des Extrem- und Action-Sports wurde in den vergangenen Jahren durch das Internet beflügelt – nicht zuletzt durch spektakuläre Clips auf Videoportalen wie Youtube. Von Pionier GoPro wurde dabei ein Produkt erschaffen, das als riesiger Content-Generator dient. Über 120 Stunden GoPro-Videos sollen aktuell pro Minute auf Youtube hochgeladen werden. Seit 2011 wurden weltweit fast 30 Millionen Kameras des Herstellers verkauft.

Der Trend, die eigenen Leistungen digital zu konservieren und zu teilen, kommt nicht von ungefähr. Viele Jahre lang waren es insbesondere Fitnessstudios, die im Vergleich zu traditionellen Vereinen ein flexibleres und effizienteres Work-out anboten. Doch dort fehlt das, was den Sportverein so attraktiv macht: das Gemeinschaftserleben. Mithilfe von mobilen digitalen Endgeräten, Trackingsoftware, Apps und Social Media ist es mittlerweile problemlos möglich, orts- und zeitflexibles Sporttreiben und Gemeinschaftserleben zu verbinden. Hierfür bewegen sich die Individuen permanent in einer riesigen Daten- und Personen-Cloud.

Während der globale Boom von Fitnessstudios in den vergangenen Jahren wieder etwas abflachte und aktuell etwa 150 Millionen Mitglieder weltweit in Fitnessclubs trainieren – in Deutschland sind es rund zehn Millionen –, hat der über Apps gesteuerte „Cloud-Sport“ in den vergangenen Jahren massiv an Fahrt aufgenommen. Nimmt man allein die fünf größten Anbieter der dahinterstehenden Sport-Netzwerke zusammen (siehe Übersicht unten), so kommt man aktuell auf etwa 440 Millionen Nutzer weltweit. Diese Nutzerzahl hat sich in den vergangenen drei Jahren dabei annähernd verdoppelt. Dabei treffen sich auf den Plattformen Freizeitsportler und ambitionierte Athleten aus den unterschiedlichsten Sportarten: vom einfacher Jogger bis zum Ultramarathonläufer, vom Rennradfahrer über den Transalp-Mountainbiker bis zum Ironman-Athleten.

Quelle: SPONSORs
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Quelle: SPONSORs

Durch Schnittstellen zu klassischen Social Networks wie Facebook oder Instagram und die massive Einbindung von individuell erstelltem Content in Form von Leistungsdaten, Bildern oder Videos ist das Konzept des Cloud-Sports in nur wenigen Jahren sehr bedeutend geworden. Experten rechnen damit, dass sich der Umsatz der in diesem Bereich angebotenen Apps bis 2021 von 2 auf 3,7 Milliarden Euro annähernd verdoppeln wird.

Content-Generator GoPro auf Youtube: 120 Stunden Videos pro Minute
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Content-Generator GoPro auf Youtube: 120 Stunden Videos pro Minute

Strava setzt auf Mitgliedsbeiträge

In zunehmendem Maße haben auch Unternehmen die neue Generation der Sportler mit ihren Selbstdarstellungswerkzeugen auf dem Schirm. Vor allem große Sportartikelhersteller wie Adidas (Runtastic), Nike (Nike+) und Under Armour (My Fitness Pal) versammeln die Aktiven seit einigen Jahren auf ihren selbst kreierten oder gekauften Plattformen, um das Kaufverhalten der Sportler zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Aber auch neu gegründete Unternehmen wie etwa die US-amerikanische Firma Strava, die sich als soziales Netzwerk auf das Tracking von Ausdauersportarten spezialisiert hat, sind sehr erfolgreich mit ihrem Konzept der „digitalen Umkleidekabine“, in der sich die Athleten virtuell zusammenfinden. So hat Strava in mehreren Finanzierungsrunden von Geldgebern rund 70 Millionen US-Dollar eingesammelt. Einer der Kapitalgeber ist Sequoia Capital, der bereits Unternehmen wie Instagram, WhatsApp oder Youtube finanziert hat. Der Investor glaubt ebenso wie die anderen Strava-Investoren an eine Monetarisierung der um angeblich rund 200 000 Athleten pro Woche wachsenden Plattform, die inzwischen 80 Millionen Nutzer haben soll.

Strava finanziert sich – anders als alle anderen Social Sport Networks – nicht über Werbung, sondern ausschließlich über Mitgliedsbeiträge. Für 7,99 Euro im Monat kann ein Athlet zum Beispiel seine Herzschlaganalyse abrufen, individuelle Trainingspläne erstellen und die Funktion „Beacon“ nutzen – eine Anzeige des Aufenthaltsorts in Echtzeit. Gerade für Extrem- und Adventure-Sportler, die oft in der freien Natur unterwegs und dann meist auf sich allein gestellt sind, ist dies eine interessante Funktion.

Interessante Zielgruppe

Die Industrie hat die sich bietenden Möglichkeiten, Teil der neuen Community in den Social-Networks zu werden, bislang nur wenig genutzt – abgesehen von den angesprochenen Sportartikelherstellern und Unternehmen wie dem Brausekonzern Red Bull, der Extremsportler jedes Jahr mit Millionen sponsert, um den Absatz seines Getränks anzukurbeln. Dabei bietet sich eine durchaus interessante Zielgruppe:

  • Bei einer aktuellen Umfrage gaben 40 Prozent der Cloud-Sportler an, für eine entsprechende App „eher oder wahrscheinlich“ zu bezahlen. Bei den 18- bis 29-Jährigen waren es sogar 46 Prozent.
  • Laut einer Studie der Sparkassenversicherung sind die Fans von Extremsportarten überwiegend männlich, zwischen 20 und 49 Jahre alt und 69 Prozent haben ein überdurchschnittliches Einkommen.

Um an das Geld der Cloud-Sportler zu kommen, sind bei werbetreibenden Unternehmen, die es ins Relevant Set der Athleten schaffen wollen, kreative Konzepte gefragt. Im Idealfall wecken diese zugleich den sportlichen Ehrgeiz und fördern die Kommunikation in der digitalen Gemeinschaft.

Gut funktionieren etwa Wettbewerbe wie das „Festive 500“ der Firma Rapha. Die englische Sportbekleidungsmarke belohnt Sportler, die zwischen Weihnachten und Neujahr mindestens 500 Kilometer mit dem Rad fahren und die gefahrenen Kilometer per App zusammen mit Fotos oder Videos festhalten. Es werden Aufnäher für ihre Leistung vergeben und hochwertige Winterkleidung des Herstellers verlost. In den vergangenen vier Jahren sollen etwa 300 000 Sportler an der Herausforderung teilgenommen haben.

Erfolgreich sind Angebote, über die sich digitale Geschichten erzählen lassen und die mit multimedialen Inhalten das virale Marketing befeuern. So unterstützte beispielsweise Skoda als langjähriger Radsportsponsor im vergangenen Jahr einen Rekordversuch von vier Extremsportlern. Ihr Ziel war es, die höchste Bergstraße des Himalayas in Rekordzeit auf dem Fahrrad zu überwinden. Auf 5300 Metern Höhe absolvierten sie von Leh nach Khardung La in Indien im Rahmen des „Catching Breath“-Projekts auf einer Strecke von 40 Kilometern eine Steigung von mehr als 1800 Metern. Ein Skoda-Fahrzeug fuhr mit der exakten Geschwindigkeit des bisherigen Rekordhalters, lieferte exklusive Videos und begleitete die erfolgreichen Fahrer bis ins Ziel.

Skoda: Cycling up the Himalayas

Unternehmen sollten der Community neben solchen Inspirationen auch Informationen anbieten, etwa über Techniken, offene Projekte wie etwa Rekordmarken und sportliche Ziele in der jeweiligen Disziplin. Ebenfalls möglich ist es, Produkte eines Unternehmens gemeinsam mit der Community zu entwickeln, zu testen und zu optimieren. Am besten mithilfe und unter Anleitung eines in der Community angesehenen Profisportlers, den ein Unternehmen als Testimonial gewinnt und der wiederum exklusive Informationen und Bildmaterial zum Projektfortschritt verbreitet. Bislang wagt sich mit solchen Vorstößen aber kaum ein Unternehmen auf den Markt.

Gemeinsame Zeit mit Freunden

Weiter sind in dieser Hinsicht viele Veranstalter. Weil sie es verstanden haben, für nahezu jede Extremsportart eigene Events zu kreieren. Dabei können sich die Sportler miteinander  messen, um den Erfolg anschließend in der Community zu teilen. Sie machen sich dabei auch die immer kostengünstiger werdende Produktion und Distribution von Bewegtbild zunutze und streuen die Inhalte geschickt in Social-Media-Kanälen, um neue Teilnehmer anzulocken und bei neuen Formaten die Wünsche der Cloud zu berücksichtigen.

Die Bandbreite reicht von Wettkämpfen wie dem „Red Bull Dolomitenmann“, einer Kombination aus Berglauf, Paragleiten, Wildwasser-Kajak und Mountainbike, bis zu Events wie dem „Jennerstier“, einem Wettkampf im Skitourengehen. Es gibt auch Events, die Freizeitradlern anbieten, die Tour de France nachzufahren, oder bei denen Extremläufer die Rocky Mountains überqueren. Der internationale Erfolg des Schlamm-Laufevents „Tough Mudder“ kann ebenfalls als Beispiel für die Konjunktur des Extremen herangezogen werden.

Gefragt werden in Zukunft aber vor allem jene Events sein, bei denen die Sportler Zeit mit Freunden und Gleichgesinnten verbringen und in der Gruppe ihre eigenen Grenzen ausloten können. Die „Tour de Friends“ des Veranstalters Rad Race könnte hier als Vorbild dienen, bei der zuletzt 400 Sportler teilnahmen. Die Mannschafts-Etappenfahrt von München nach Venedig vermarktet sich als coole Alpenüberquerung auf dem Rad mit Freunden und abendlichen Partys, bei der Partner wie Oakley, Abus, Canyon und Gore Bike Wear Preise für die besten Teams und Höchstleistungen auf einzelnen Etappen vergeben.

Die Plattform Strava trackt bei der „Tour de Friends“ die Leistungen aller Teilnehmer und heizt den Wettbewerb und die Kommunikation der Athleten und ihrer Freunde und Familien zu Hause an. Die Sportler stehen dabei stellvertretend für eine neue Generation von Hobby-Athleten: Die Strecke ist für sie mehr als die Distanz, die sie zurücklegen, die Strecke ist ein Abenteuer. Und das wollen sie mit der ganzen Welt teilen.

30.01.2018
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 Der Autor 

Florian Oediger